New Cool Music!

04. Oktober 2011

2011 ist nicht nur das langersehnte Hasenjahr, sondern auch das Jahr der Albumneuerscheinungen meiner Lieblingsbands, u.a. von Incubus, Blink 182, Death Cab For Cutie und den Red Hot Chili Peppers. Viele der Bands hatten über sehr lange Zeit nichts neues mehr herausgebracht. Blink 182 haben ihr letztes Album vor acht Jahren veröffentlicht und Incubus und die Red Hot Chili Peppers hatten eine fünfjährige Pause. Daher wirkt es jetzt fast schon wie ein Overkill an guter Musik, wobei mir eigentlich nur die neuen Alben von Death Cab For Cutie und von Blink 182 gefallen. Irgendwann ist dann wohl auch die Luft bei den besten Bands ‘raus und sie wiederholen sich nur noch. So mache ich den Peppers auch keinen Vorwurf, denn immerhin ist ‘I’m With You’ ihr mittlerweile zehntes Studioalbum. Blink 182 bleiben sich mit ihrer neuen Platte ‘Neighborhoods’ treu und knüpfen nahtlos an ihre vorherigen Erfolge an. Mit ‘Codes and Keys’ hingegen gehen Death Cab For Cutie mit Streicherarrangements neue Wege und erinnern mit ihrem immer mehr Pop angelehnten Stil ein wenig an das Nebenprojekt ‘The Postal Service’ von Sänger Benjamin Gibbard aus dem Jahr 2003. Ich bin immer wieder erstaunt wie faszinierend Musik sein kann. Gerade wenn man bestimmte Bands lange nicht mehr gehört hat und dann die vertrauten Stimmen der Sänger wieder hört, ist es ein schönes Gefühl, das oft viele Erinnerungen aus der Vergangenheit wachruft. Mir wird erst dann wirklich bewusst wird, was für ein wichtigen Bestandteil viele Bands mit ihrer Musik in meinem Leben haben.
Trotz aller Neuveröffentlichungen bekannter Bands gibt es natürlich immer wieder auch neue Alben, die mich begeistern. Allerdings erfahre ich von denen meistens erst, wenn sie sämtliche Preise abgesahnt haben oder gerade in Deutschland auf Tour waren. Drei Künstler, die mich in der letzten Zeit wirklich bleibend beeindruckt haben, sind das Projekt Fever Ray der schwedischen Sängerin Karin Dreijer Andersson, die von der Presse gefeierte, englische Indie Pop Band The XX und die kalifornische Sängerin Lana Del Rey mit ihrem Song ‘Video Games’.

Hier die YouTube Links dazu:

http://www.youtube.com/watch?v=EBAzlNJonO8

http://www.youtube.com/watch?v=Pib8eYDSFEI&ob=av2e

http://www.youtube.com/watch?v=HO1OV5B_JDw

It’s A Perfect Day For Letting Go!

01. Oktober 2011

Mein Sommer in diesem Jahr war nicht so wirklich spannend. Da zur Zeit jeder Cent in meine Albumproduktion fließt, standen auch keine großen Reisen auf dem Plan. Aus diesem Grund war ich umso begeisterter, als mir mein Produzent vor einer Woche von seiner Kanutour berichtete, die er mit seiner Freundin am Wochenende zuvor gemacht hatte. Kurz entschlossen fuhr ich daraufhin am letzten Donnerstag mit zwei Freunden nach Rheinsberg, um uns dem Rafting Abenteuer im Brandenburger Umland zu stellen. Es war eine schöne Möglichkeit, ‘mal wieder aus dem Alltagstrott herauszukommen und seinen Kopf freizubekommen. Die Hinfahrt führte uns durch kleine Ortschaften, die oft nur aus einem Asia-Döner Imbiss und dem obligatorischen italienischen Eiscafé bestanden. Als wir durch die menschenleeren Straßen fuhren, entlang der mit dem charmanten grauen DDR Putz überzogenen Häuser, wurde mir wieder klar, dass ich in so einem kleinen Ort niemals wohnen könnte. Sicherlich weil ich da dann umso mehr mit meinen eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert werden würde und mir bewusst werden würde, dass ich oft nicht wirklich am Leben teilhabe.
In Rheinsberg beim Kanuverleih angekommen hackte der Besitzer gerade Holz für sein durch Öfen beheizbares Haus. Er war so Mitte fünfzig, hatte graues, langes Haar und trug eine vergoldete Kette, die er sich aus seinem letzten Urlaub in Ägypten mitgebracht hatte. Eigentlich gelernter Ingenieur und früher im Atomkraftwerk in Rheinsberg arbeitend, eröffnete er den Kanuverleih gemeinsam mit seiner Frau, als dieses vor zwanzig Jahren zugemacht wurde. Er war sichtlich stolz auf seinen autarken Lebensstil, als er uns die eigene Kläranlage zeigte und Werbung für seine selbstgebackenen Brötchen machte. Wir hatten alle drei trockene Anziehsachen mitgenommen, falls wir doch ins kalte Wasser fallen würden. Als diese zusammen mit unserem Picknickproviant in dem wasserdichten Container verstaut waren, ging es in die schmalen Plastikboote. Lena und Filipe teilten sich einen Zweierkajak, was später noch zu vielen verzweifelten und komischen Momenten führen sollte. Ich als freiheitsliebendes Einzelkind hatte einen Einerkajak, mit dem ich am Anfang ganz schön herumeierte, da ich immer Angst hatte gleich ins Wasser zu fallen. Also ‘mal wieder eine gute Übung, loszulassen und wenigstens für ein paar Stunden die Kontrolle abzugeben. Die gesamte Tour ging siebzehn Kilometer stromabwärts und dauerte mit einer kleinen Pause ungefähr fünf Stunden. Die Rhin, der Fluß, auf dem wir uns befanden, schlängelte sich ziemlich verzwickt durch die Brandenburger Wälder, so dass wir ganz schön manövrieren mussten, um nicht ständig ans Ufer gespült zu werden oder auf einer der Sandbänken aufzulaufen, da der Wasserspiegel sehr tief lag. Neben der serpentinenähnlichen Strecke lagen auch alle hundert Meter umgefallene und umgeknickte Baumstämme im Wasser, die die ansonsten doch sehr ruhige Fahrt zu einem wirklichen Abenteuer machten. Die gute Luft und die beruhigende Stille entlohnten uns allerdings mehr als genug für die anstrengenden Momente. Als wir die Hälfte der Strecke halbwegs trocken hinter uns gebracht hatten, machten wir an einem der grünen Flußufer eine Picknickpause. Während wir genüsslich in unsere selbstbelegten, mitgebrachten Brote bissen, riss der bisher sehr bewölkte Himmel auf und warme Sonnenstrahlen schienen uns ins Gesicht. Es war ‘mal wieder einer dieser schönen, vollkommenen Momente, wie ich ihn zuletzt am Liebnitzsee erlebt hatte. Nach knapp fünf Stunden wilder Odyssee hatten wir endlich schon völlig erschöpft das Ende der Route erreicht. Filipe und Lena waren durch ihre etwas unkonventionelle Rudertechnik inzwischen völlig durchnässt und wechselten gleich ihre Sachen. Bis auf ein paar fluchende Momente hatten wir uns aber alle drei ganz wacker geschlagen in der eigensinnigen Brandenburger Strömung.
Auf dem Rückweg nach Berlin schalteten wir das Radio an, um uns ein wenig abzulenken. Aber vor allem auch, um uns wach zu halten, da wir doch nach dem langen Tag ziemlich ausgepowert waren. Ich war wieder erschreckt, wie schlecht die Musik im Radio ist und wie belanglos das Geschwätz der Moderatoren. Selbst die Nachrichten waren nicht wirklich spannend, geschweige denn informativ und entbehrten oft auch nicht einer gewissen Komik, da nur wieder pauschal über Themen berichtet wurde, deren Ausgang eh schon jeder kennt, wie z.B., dass der iranische Präsident beim Natogipfel wieder gegen die U.S.A. gehetzt hatte. Als dann noch die Willkommensrede des Bundespräsidenten für den Papst Wort für Wort vorgelesen wurde, die mit den Worten begann: “Sie, Heiliger Vater, kommen in Ihr Heimatland …”, war ich mir für einen Moment nicht so sicher, ob sich die A-Klasse meiner Mutter nicht gerade in einen DeLorean verwandelt hatte und wir vielleicht zurückkatapultiert worden waren in die sechziger Jahre. Einen ähnlichen Moment hatte ich dann noch, als ich bei mir am gleichen Abend über dreißig Minuten einen Parkplatz suchte, da die Polizei dort nicht nur mit Absperrungen und mindestens zwanzig Mannschaftswagen aufwartete, sondern auch sämtliche Straßen rund um die Hasenheide abgesperrte hatte, um die Diözese des Papstes zu bewachen.
Jetzt haben wir schon Oktober. Die Zeit rennt immer mehr. Mittlerweile denke ich schon daran, was ich vor einem Jahr gemacht habe und es kommt mir gar nicht vor, als ob schon wieder zwölf Monate vergangen sind. Das ist wohl wieder ein Teil des Älterwerdens. Die Verpflichtungen steigen und die schönen Momente relativieren sich immer mehr. Wenn ich nicht mit den Aufnahmen zu meinem Album beschäftigt bin, stehe ich immer noch jeden Freitag und Samstag für Casio Digitalkameras im Media Markt am Alexanderplatz. Ich kann mich nicht wirklich beschweren, da das Arbeiten entspannt ist und es bis jetzt einer meiner coolsten Jobs ist. Dennoch bekomme ich regelmäßig depressive Anwandlungen, da ich mir noch vor zehn Jahren sicherlich nicht vorgestellt habe, mit fünfunddreißig hauptberuflich als Verkäufer zu arbeiten. Wobei ich die Zeit doch viel effektiver nutzen könnte, um meiner wahren Bestimmung zu folgen, nämlich jeden Tag herutergeladene TV-Serien und Kinofilme zu gucken, in der unbeirrbaren Hoffnung, dass irgenwann alles besser wird.

At The Guitar Store!

04. September 2011

Seit ich Gitarre spiele, gehören die Besuche in Gitarrenläden immer zu dem unangenehmen Teil der ansonsten sehr ausgleichenden Beschäftigung. Sei es um neue Saiten zu kaufen oder nach einer neuen Gitarre zu gucken. Bis auf wenige Ausnahmen ist die Stimmung in Musikläden immer von einer angespannten, unsicheren Atmosphäre geprägt. Die meisten Verkäufer verhalten sich wie verkannte Musikgenies, unter deren Würde es eigentlich ist, dich überhaupt zu bedienen. So empfängt einen, wenn man den Laden betritt, oft ein Wall aus gelangweilter Überheblichkeit, der für einen eh schon introvertierten Musiker nur schwer zu durchbrechen ist. Der Einkauf macht daher nur selten Spaß, da die Angestellten hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind und dich als Kunden kaum wirklich beachten.
Die meiste Zeit hängen pubertierende Teenager in diesen Läden ab, die oft stundenlang penetrant die inflationären Gitarrenriffs der Rockgeschichte vor sich hin klimpern. Wenn man dann zum einhundertmillionsten Mal das Lick von ‘Smoke On The Water’ oder das Intro von ‘Stairway To Heaven’ ausgesetzt ist, muss man mental schon sehr abgehärtet sein, um nicht gleich nach der abgesägten Schrotflinte unter dem Ladentisch zu greifen. Neben den Teenage Rockstars gibt es noch die Fraktion der Virtuosen, die beim Austesten der Gitarren ein ganzes ausgearbeitetes Set zum Besten geben und man sich fragt, ob sie eigentlich nur in das Geschäft gekommen sind, um entdeckt zu werden. Die tendenzielle Genervtheit der Verkäufer ist also nachzuvollziehen. Zumal der expandierende, Preis drückende Internethandel auch nicht vor den Musikgeschäften Halt gemacht hat und sich daher viele Kunden nur beraten lassen und Instrumente ausprobieren, um sie dann später beim Onlineversand zu bestellen.

Chewing Gum Days!

07. August 2011

Die Tage ziehen sich ‘mal wieder wie Kaugummi und ich habe wieder das Gefühl, dass selbst die einfachsten Unternehmungen in einem Akt der totalen Verausgabung enden. Ob nun meine endlose Wohnungssuche oder auch meine Albumaufnahmen, mit denen ich schon seit März beschäftigt bin. Was mich am meisten an der Suche nach einer passenden Wohnung stört, ist das sich Andienen bei den Hausverwaltungen und das absurde Hoffen für eine überteuerte Miete in eine durchschnittliche Wohnung zu kommen. Mit anderen Worten die Abhängigkeit von den Vermietern, vor denen man sich vorher die volle finanzielle Blöße gegeben hat. Denn mittlerweile wird nicht nur ein Einkommensnachweis, sei es in Form eines Arbeitsvertrages oder einer Steuererklärung, verlangt, sondern auch noch die Kontoauszüge der letzten drei Monate. Ich weiß, dass in Deutschland das Mietrecht nicht gerade auf Seiten der Vermieter liegt und diese sich eben auch absichern müssen, bevor sie sich einen potentiellen Mietnomaden in ihre Häuser holen. Dennoch nervt mich diese Art der Bevormundung und damit oft einhergehende Arroganz der Hausverwaltungen.
Pläne habe ich noch viele. Nur wird mir immer mehr bewusst, dass die Umsetzung immer länger dauert, als ich anfangs denke. So möchte ich auf jeden Fall auch ein Video zu einem meiner Songs drehen. Ein Unterfangen, von dem ich mir wünsche, dass es sich nicht wieder ewig hinziehen wird. Dabei halte ich mich schon für geduldig und ausdauernd, ansonsten hätte ich wohl nicht die zehn Jahre Vorproduktion zu meiner Platte durchgestanden. Aber vielleicht bin ich doch noch zu faul. Zur Zeit bereite ich mich gerade auf den Aufnahmetest für den Deutsch-als-Fremdsprache Kurs vor, an dem ich im Januar teilnehmen will und verbringe deshalb jetzt fast jeden Tag in der Volkswagenbibliothek. Nach fast zwei Stunden Lernen bekomme ich jedesmal die Krise und mir wird klar, warum ich nie über Jahre studiert habe. Wenn ich nicht gleich einen direkten Nutzen für den Lehrstoff sehe, fehlt mir einfach jede Begeisterung und Ausdauer.
Die Siebenschläfervorhersage in diesem Jahr hat wohl nicht ganz hingehauen. Ich habe meine Regenjacke noch nie so zu schätzen gewusst wie in diesem Sommer. Aber wenigstens passt der Monsunregen ganz gut zu meiner derzeitigen seelischen Verfassung. Da ich weiterhin meine Illusionen in Bezug auf meine Wünsche aufgebe und immer noch nach einem Platz in dieser Welt suche, erscheint mein Alltag gerade recht trist und abwechslungslos. Ich bin noch immer gefangen in meiner Blase aus zu viel Freiheit und komme mir manchmal vor wie ein ausgebrannter Rockstar, der sich mit seinen Millionen langweilt. Wenn jeden Tag die Sonne schiene, würde ich vermutlich wahnsinnig werden in meiner zugestellten, mir immer noch fremden Wohnung, mit all meinen Plänen im Kopf, die sich nur langsam umsetzen lassen.

I Love You, You Pay My Rent!

02. August 2011

Die Immobilensituation in Berlin hat sich in den letzten Jahren rapide verändert. Ich habe das Gefühl, dass es kaum noch ein anderes Thema gibt. Egal wen man trifft, jeder sucht eine Wohnung, sei es zum Tausch oder zum Mieten. Verglichen mit anderen europäischen Großstädten ist das Wohnen in Berlin sicherlich immernoch bezahlbar. Wie Paul, ein Freund von mir, in dessen Wohnung ich gerade zur Zwischenmiete wohne, während er in Paris residiert, sagte: ‘Die Jahresmiete meiner Wohnung hier in Berlin würde in Paris gerade ‘mal für drei Monate reichen.’ Das stimmt vermutlich. Auch im westdeutschen Vergleich hat Berlin mit Abstand die günstigsten Mieten. Dennoch ist z. B. in Kreuzberg in den letzten fünf Jahren der durchschnittliche Quadratmeterpreis von sechs auf acht Euro gestiegen. Selbst für die abgelegensten Wohnungen in irgendwelchen heruntergewirtschafteten Hinterhöfen werden mittlerweile schon bis zu zehn Euro aufgerufen. Dementsprechend wählerisch sind auch die Hausverwaltungen, die Wohnungen in dem gerade absolut angesagten In-Bezirk anbieten. Es gibt keine Antworten mehr auf Bewerbungen, geschweige denn Absagen. Sei es per Telefon oder E-Mail. Wozu auch. Die Vermieter sind sich ihrer Machtposition sehr wohl bewusst und ziehen alle Register, um ihren Schnitt zu machen. Angefangen von Mieterhöhungen bei der Neuvermietung, Staffelmieten in den ersten fünf Jahren, aber auch die Chuzpe teilweise heruntergekommene Wohnungen anzubieten, wie ich es bei einer Wohnung im Graefekiez erlebt habe, bei der die komplette Küchendecke mit Schimmel überzogen war und die Ansage von der Hausverwaltung war: ‘Wenn Sie sich darum kümmern, erlassen wir Ihnen eine Kaltmiete.’ Obwohl eigentlich gemeint war: ‘Wenn sie die Ursache des Schimmels herausgefunden, die Decke trockengelegt und neu gestrichen haben, sparen Sie eine Kaltmiete.’ Kein besonder Deal, wenn man bedenkt, dass der Stundenlohn eines Handwerkers bei dreißig Euro beginnt. Die Dreistigkeit der Vermieter nimmt immer mehr zu und auch der Druck, einen solventen Nachmieter zu finden, scheint nicht mehr so groß zu sein wie noch vor ein paar Jahren. Erst letzte Woche wollte ich mir einen Wohnung anschauen, bei der die Wohnungbesichtigung einen Tag vor dem vertraglichen Mietbeginn gelegt wurde. Das ist besonders hilfreich, wenn man sich noch in der dreimonatigen Mindestkündigungsfrist seines anderen Mietverhältnisses befindet. Meine anfangs noch entspannte Wohnungssuche wird also immer mehr zu einem Suchmarathon, bei dem das Ziel noch lange nicht in Sicht ist und mein ansonsten eiserner Optimismus jeden Tag erneut auf die Probe getellt wird.
Wenn ich mich für eine Erfindung der letzten einhundert Jahre entscheiden müsste, auf die ich keineswegs verzichten wollte, dann wäre es das Fahrrad. Trotz meiner fernsehkondionierten Kindheit und meines intensiven Film- und TV-Serien Konsum in den letzten Jahren halte ich das Zweirad für eine der besten Erfindungen der Neuzeit. Sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen, ohne auf externe Brennstoffe wie Öl oder Benzin angewiesen zu sein, ist einfach genial. Dazu kommt, dass man nicht nur viel schneller als zu Fuß und in der gleichen Zeit die fünffache Strecke zurücklegt, sondern sich dabei auch noch körperlich bewegt und auf diese Weise das Praktische mit dem Gesunden verbindet. Ein weiterer großer Vorteil sind die Anschaffungs- und Wartungskosten eines Fahrrad, die im Vergleich zum Auto, das getankt, versteuert, versichert und oft kostenpflichtigt geparkt werden muss, ein marginale Summe darstellen. Auch die Reparaturkosten sind beim Auto um ein Vielfaches höher. Als spartanischer und sparsamer Mensch ist daher das Fahrrad schon seit Jahren mein ständiger Begleiter. Abgesehen vom finanziellen Bonus birgt das Radfahren auch noch zwei weitere Vorteile, die für mich inzwischen existentiell geworden sind. Zum einen die Freiheit und Unabhängigkeit, jeder Zeit loszufahren zu können und auf dem direktesten Weg immer an mein gewünschtes Ziel zu kommen. Sei es tagsüber, wenn die halbe Menschheit wieder im Stau steht oder nach einem Parkplatz sucht oder nachts, wenn die Heimreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oft aus einer elendlangen Odyssee aus Warten und Umsteigen besteht. Das Schönste aber ist, dass man beim Radfahren das Leben und die Welt um sich herum intensiver wahrnimmt als im Auto. Während ich oft stundenlang mit meinem Fahrrad durch die Stadt fahre, bin ich immer wieder überrascht, wieviele Menschen sich täglich durch ihren Alltag schleppen. Mir wird dann oft bewusst, dass jeder sein Paket zu tragen hat. Alle mehr oder weniger, manche offensichtlicher und manche verdeckter. Ob nun die streunenden Trinker, die auf einer Parkbank lethargisch vorsichhinvegetieren oder die Straßenzeitungsverkäufer, die sich jeden Tag aufs Neue ihren Unterhalt erbetteln müssen oder auch die jungen Frauen in der Bülowstraße, die gelangweilt auf ihren nächsten Freier warten. Diese Momente holen mich dann immer schnell zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Gerade wenn ich ‘mal wieder dabei bin, mir in meinen Gedanken Probleme zu kreieren, die keine sind und mir klar wird, dass ich eigentlich dankbar dafür sein kann, für das, was ich bin und habe.

Apocalypse Now!

21. Juli 2011

Gestern war ich ‘mal wieder bei meiner Mutter in Schmargendorf. Die kürzeste Verbindung von mir aus ist es, mit der U-Bahn bis zum Adenauer Platz zu fahren und von dort aus den Bus zu nehmen. Ich war noch nie ein großer Fan der öffentlichen Verkehrsmittel, wovon die U-Bahn mit Abstand das ungemütlichste ist und ich diese auch nur nutze, wenn es unvermeidbar ist. U-Bahnfahrten beinhalten eigentlich nur eines: Bei schlechter Luft eingeengt zwischen vielen Menschen zu stehen und dabei auf vorbeiziehende Tunnelwände zu starren. Ich versuche mich dann immer in eine meditative Stimmung zu versetzen, indem ich meine Augen schließe und an etwas Schönes denke. Busfahren ist nicht viel besser, besonders wenn man in keinem Doppeldecker sitzt. Der Busfahrer, der sich offenbar auch etwas Spannenderes vorstellen konnte, als an einem warmen Sommertag Stationen abzufahren, an denen eh niemand ein- oder aussteigt, machte seinem Unmut bei jeder Bremsbewegung Luft. Dementsprechend schnell übel wurde mir dann auch. Die anderen Passagiere im Bus fesselten mich auch nicht gerade mit ihrer Anwesenheit und bestärkten mich eher wieder in meinen Plänen, für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen. Eigentlich war ich nur von gebrechlichen Rentnern umgeben, die mit ihren leeren Blicken so wirkten, als ob sie mit ihrem Leben schon abgeschlossen hatten, lange bevor sie die vergünstigte Umweltkarte bekamen. Für einen Moment fühlte ich mich an meine Köpenick Depression erinnert. Schmargendorf ist bis auf seine Gediegenheit auch nicht viel anders. Nur, dass die Ausstrahlung der meisten eher in Richtung gesättigt als enttäuscht geht. Das Fitnessstudio, in dem ich zu Schulzeiten noch Kung Fu Unterricht hatte und später auch meine ersten Hanteln stemmte, wirbt inzwischen nur noch mit Reha Kursen. Viele Läden sind seit meiner Kindheit umgezogen oder haben ihren Betreiber gewechselt. Die einzigen, die sich immernoch standhaft in dem Bezirk der reichen Witwen halten, sind die Banken und Apotheken. Knapp gefolgt von den Bäckereien, die mittlerweile genauso lukrativ sein müssen. Wenn es zu meiner Kindheit noch einen Bäcker in der Hauptstraße gab, gibt es jetzt vier und für das Brötchen, das man früher schon für zehn Pfennig bekam, zahlt man heute zwanzig Cent. Es scheint, dass Brot in den letzten Jahren zu einem Luxusgut geworden ist. Neben dem Haus meiner Mutter wird seit Monaten ein neuer Bürogebäudekomplex errichtet, in dem unten ein Aldi Markt mit Tiefgarage ‘reinkommen soll. Dementsprechend gigantisch ist auch die Baustelle, die eigentlich gar nicht ‘reinpasst in das ansonsten ruhige Anwohnergebiet und dabei schon etwas Surreales hat. Verstärkt wird das Gefühl noch dadurch, dass an den Bauzäunen ein Schild befestigt ist, auf dem steht: ‘Hier entsteht ein Aldi Markt’.
Meine Wohnungssuche läuft weiterhin. Bald wieder mein eigenes, kleines Reich zu haben, wird für mich ein großer Schritt sein. Denn eigentlich habe ich die letzten fünf Jahren als Wohnungswanderer gelebt. Entweder zur Zwischenmiete oder in Wohngemeinschaften. Wobei diese eher Zweckgemeinschaften waren. Angefangen mit meiner Unterkunft in Australien, die nur aus Lebensverweigerern bestand. Wieder ein Beweis dafür, dass der Mensch besonders in Krisen immer Leute anzieht, die in einer ähnlichen Lebenssituation stecken wie man selbst. Nur dass mir das damals noch nicht wirklich bewusst war. Eigentlich waren wir alle mit dem Leben überfordert und wenn wir uns nicht gerade in der Dauerablenkung befanden, wurden absurde Pläne geschmiedet, um unser geknicktes Ego wieder aufzurichten. Während Noi, die gerade eine private Ausbildung zum Fitnesstrainer machte, davon träumte Personal Celebrity Trainer zu werden, verschickte ich unfertige Demotapes an internationale Plattenfirmen. Meine Wohngemeinschaft in Bristol war nicht viel anders, nur dass dort die Ablenkung anstelle von Drogen und Fernsehen, nur aufs Fernsehen beschränkt war.
Am Sonntagabend war ich nach dem Sport noch in der Lidl Filiale im U-Bahnhof am Innsbrucker Platz. Es wirkte wieder, als ob die Welt vor der totalen Apokalypse stand. Der Laden war ein Chaos aus zerbrochenen Nutella Gläsern und herausgewühltem, zertretenem Obst und Gemüse. Überall lagen leere, zerknautschte Verpackungen verstreut auf dem Boden, der auch schon völlig verschmiert war. Ich kam mir in dem Gedränge ein wenig vor wie auf einem Schlachtfeld, als ich mir dann meinen Weg zu einer der langen Schlangen vor den dicht bevölkerten Kassen bahnte. Zur Belohnung dieser Selbstkasteiung an dem heiligen Wochentag konnte ich mir aber immerhin vorher noch eine der letzten ‘traditionellen’ Griesbreipackungen von Landliebe ergattern. Wenigstens ein schmaler Trost für diese erneute Desillusionierung, nämlich dass sich der Mensch in seinem Urtrieb der Nahrungsaufnahme in den letzten Jahrhunderten weiterentwickelt hat. Trotz der unangenehmen Stimmung blieben die Kassierer konzentriert und freundlich. Selbst der Security Mann, den ich nicht gerade um seine Arbeit beneidete, lachte ab und zu. Als ich dann auf meinem Weg zurück ins Tageslicht an mehreren Bettlern vorbeizog, die vor dem Ausgang ihr Lager aufgeschlagen hatten, überkam mich ein mulmiges Gefühl, da mir klar wurde, dass es härtere Schicksale gibt, als alle paar Monate in einem verdreckten, unterirdischen Supermarkt einzukaufen.

Live Your Dream – Part II!

19. Juli 2011

Zubin, ein guter Freund von mir und treuer Wegbegleiter, der eigentlich Komponist und Musikproduzent ist, dieses Leben aber hinter sich gelassen hat, ist nun seit vier Jahren dabei, sich als Maler zu verwirklichen. Wie viele in meinem Freundeskreis meistert er täglich den Balanceakt zwischen seiner Arbeit als Künstler und dem Druck, auch weiterhin seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit gibt er an Kindergärten Malkurse. Meistens für Kinder mit Migrationshintergrund, von denen die männlichen oft Schwierigkeiten haben, ihre vorwiegend weiblichen Erzieher als Autoritätsperson anzuerkennen. Auf diese Weise eröffnet er den Kindern nicht nur die Welt des kreativen Schaffens, sondern ist auch pädagogisch tätig, da er selber aus Malaysia kommend zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen ist und die Probleme der Integration kennt.

Wer mehr über Zubin erfahren möchte, kann das auf seiner Homepage: www.zubinzainal.com tun und/oder auch sein Künstlerportrait auf Vimeo anschauen. Hier das Video dazu:

zubinzainal – artist portrait from zubinzainal on Vimeo.

Planet Koepenick!

07. Juli 2011

Nach drei langen Monaten, die wieder gefüllt waren mit Selbstzweifeln und perfektionistischen Wahnsinn war es nun letzte Woche endlich so weit die Hosen ‘runterzulassen und zu sehen, ob die zehn Jahre Vorproduktion meines Albums nicht völlig umsonst gewesen waren. Mit einem dementsprechend mulmigen Gefühl fuhr ich dann auch am ersten Tag ins Aufnahmestudio. Aufgenommen haben wir bei meinem Produzenten, in einem von mehreren Aufnahmeräumen in der Forsterstraße in Kreuzberg, wo u.a. auch Seeed, Peter Fox und Rosenstolz ihre Studios haben. Daher konnte ich es mir auch nicht nehmen, immer wenn sich die Möglichkeit ergab, das ein oder andere Studio auszuchecken. Am Beeindruckendsten waren die Gemächer von Rosenstolz, die auf einer ganzen Etage neben ihren Aufnahme- und Proberäumen auch ihr komplettes Management und eigenes Plattenlabel mit integriert haben. Auch wenn sie mich musikalisch nie wirklich inspiriert, sondern viel eher zum Auswandern bewogen haben, überkam mich schon ein Gefühl der Ehrfurcht, als ich dort den mit goldenen Schallplatten gepflasterten Gang entlangging, um ein Paket für meinen Schlagzeuger abzuholen.
Dog und Björn, zwei routinierte und erfahrene Studiomusiker, die ansonsten zusammen in der deutschen Punkband ‘Abwärts’ spielen, haben die acht Songs von mir in nur zweieinhalb Tagen eingespielt. Während der Aufnahmen blieb mir regelrecht der Mund offen stehen, da sie meistens nur zwei bis drei Takes brauchten, um den jeweiligen Song einzuzimmern und das, obwohl sie die Lieder vorher nicht kannten. Bei den ersten Songs habe noch mitgespielt, wollte dann aber die Aufnahmen der Lieder, bei denen das Arrangement nocht nicht komplett stand, nicht durch mein herumsuchendes, unsicheres Spiel verhunzen. Sicherlich auch, weil ich durch so viel geballte Professionalität ein wenig eingeschüchtert war. So langsam nimmt meine Platte also Form an und ich bin wieder motiviert, die Produktion zu einem erfüllten Abschluss zu bringen. Zumal ich jetzt dank Björn, dessen Idee es war, eine meiner melancholischen Mollballaden einfach im doppelten Tempo zu spielen, auch meinen ersten Club tauglichen Song mit im Gepäck habe. Am letzten Tag brachte ich noch den Gitarrenverstärker, den ich mir extra für die Produktion ausgeliehen hatte, zurück zum Instrumentenverleih in Marienfelde. Herr Schwartau, der Besitzer kam mir wieder gut gelaunt mit seinem unverhüllten, gigantischen Bierbauch entgegen, als ich dort kurz vor Feierabend eintraf. Bevor ich wieder losfahren konnte, fragte er mich noch nach bekannten Gitarristen aus den fünfziger Jahre, die seines Erachtens Geschichte geschrieben haben, von denen ich aber noch nie etwas gehört hatte. Bei dem ganzen Frage-Antwort Spiel vergaß ich völlig noch einen Marmeladenwitz zu machen, obwohl ich es mir vorher noch fest vorgenommen hatte.
Am nächsten Tag war ich gleich wieder in meiner Promotionroutine und hatte am vergangenen Montag meinen letzten Einsatz für ‘Chesterfield’ in einem Einkaufszentrum in Köpenick. Nach knapp einer Stunde stand ich schon kurz vor einer Depression. In dem Center befanden sich eigentlich nur grimmig guckende Rentner in grauen Anoraks und Gesundheitssandalen, die farblich nicht zu ihren weißen Tennissocken passten. Die wenigsten nahmen mich in meiner quietschroten Jahre wahr und selbst wenn ich sie freundlich ansprach, gingen sie einfach wortlos an mir vorüber. Als Ausgleich gab es noch die Fraktion der übergewichtigen, tätowierten Mütter mit gefärbten Haaren, die mit ihren nervenden Kinder aber wenigstens etwas Leben in diesen trostlosen Ort brachten. Im Hintergrund lief aus Lautsprechern der Haddaway Song ‘What is Love’, wobei ‘Where is the Love’ von den Black Eyed Peas da wohl besser in die Szenerie gepasst hätte. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Planeten. Verbannt auf Planet Köpenick. Die Frau des Tabakwarenbesitzers, die als Urlaubsvertretung hinter dem Verkaufstresen stand, war in ihrer Lethargie auch nicht mehr zu überbieten und dadurch auch keine wirkliche Ablenkung von der Endzeitstimmung. Mir war schnell klar, dass ich dort nicht alt werden würde, also rief ich gleich bei meiner Agentur an und ließ mich an eine Tankstelle in der Nähe des Einkaufscenters versetzen, in der ich dann den Rest des Tages ausharrte. Obwohl dort auch niemand an meinen Zigaretten interessiert war, waren die meisten Leute aber zumindest zugänglicher und freundlicher. Während ich im Eingangsbereich stand und mit den noch zu ertragenden Stunden kämpfte, lief wieder Musik im Hintergund. Diesmal aus dem Radio. Die meisten Lieder, die gespielt wurden, waren grauslich, von dem dummen Gequatsche der Moderatoren ‘mal ganz abgesehen. Ich war jedes Mal froh, wenn ein Song aus den Achtzigern oder Neunzigern lief und nicht der kommerzielle Technopop von heute. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich auch, als ich gestern wieder beim Body Pump Kurs im Fitnessstudio war und die fünfzigminütige Musik der neuen Choreographie eigentlich nur einen guten Song beinhaltete und zwar ‘Sweet Child of Mine’ von Guns ‘n Roses. Lustigerweise erklärt jedes Mal einer der vier Fitnesstrainer, die den Kurs abwechselnd geben, dass der Song sein absolutes Lieblingslied ist. Wieder ein Beleg dafür, dass die meisten Leute eben doch gute Musik erkennen, wenn sie läuft. Nur dass diese leider im rarer wird, dafür aber die wöchentlichen Albumneuveröffentlichungen immer mehr. Das sind wohl die Zeiten, in denen wir leben. Quantität hat schon lange die Qualität abgelöst. Gerade eben habe ich mir eine Wohnung im Graefekiez in Kreuzberg angeguckt. Dreißig Quadratmeter mit einer vergammelten Küchendecke für vierhundert Euro warm. Das Traurige daran ist, dass mit mir über zwanzig Leute da waren, von denen sich sicherlich mehr als einer für die Wohnung bewerben wird.

Shitty Jobs!

21. Juni 2011

Es gibt Erfahrungen, die muss man nicht machen. Eine davon hatte ich gestern, als ich meinen ersten Springereinsatz für die Chesterfield Promotion hatte und zwar in einer Total Tankstelle in Berlin-Rummelsburg. Geschlagene acht Stunden stand ich dort im Eingangsbereich und fragte jeden Kunden, der ‘reinkam, ob er Raucher ist, um ihn dann für ein tolles Greifarmspiel zu begeistern, bei dem man mit Geschick eine Streichholzschachtel herausangeln konnte. Zur Belohnung gab es für jeden Mitspieler ein schickes Feuerzeug im Chesterfield Design und eins von fünf frei wählbaren Motiven auf einer kleinen Metallplatte, die man unten an dem Feuerzeug befestigen konnte. Soweit so gut. Nur leider waren von zehn Kunden, die die Tankstelle betraten mindestens sieben Nichtraucher. Der Rest war meistens in Eile und hatte verständlicherweise nicht wirklich Lust, sich an einem Montagmorgen zutexten, geschweige denn eine neue Zigarettenmarke aufquatschen zu lassen. Dementsprechend zäh verging dann auch die Zeit. Unabhängig davon, dass der Job grottenlangweilig war, kam auch über lange Zeit einfach niemand in die Tankstelle. Selbst die Festangestellten, die ich um ihre Arbeit auch nicht gerade beneidete, warfen mir regelmäßig mitleidige Blicke zu oder motivierten mich mit Sätzen wie: ‘Bis achtzehn Uhr musst die hier stehen? Das würd’ ich nicht durchhalten!’ Ich war mir auch nicht so sicher, wie die festen Promotoren, diese Aktion aushalten, die insgesamt sechzehn Tage allein in Tankstellen und die Tabakwarenläden stehen, ohne völlig bekifft zu sein oder zumindest den Gedanken einer Lobotomie im Hinterkopf zu haben. Ich war der inneren Verzweiflung also schon lange nicht mehr so nah wie an diesem Tag und damit hat es die Werbeaktion jetzt in die Top 5 meiner schlimmsten Promotionjobs geschafft. Immernoch angeführt von meinem Job, bei dem ich AOL CDs mit Gratisstunden und versteckten Knebelverträgen verteilen musste und praktisch von fast jedem vorbeilaufenden Passanten beschimpft wurde, weil viele eben schon in die Laufzeitfalle getappt waren und erst im nachhinein festgestellt hatten, dass die eintausend Freistunden im ersten Monat auch wortwörtlich umsonst waren. Einen anderen Ätzjob hatte ich, als ich in Kaisers Supermärkten Bonaqua verkaufen musste. Bonaqua, das Tafelwasser des Coca Cola Unternehmens, dessen Einführung in Großbritannien scheiterte, da es anstatt aus einer Quelle einfach nur aus dem Wasserhahn kam. Auch die deutsche Variante besteht zu fast hundert Prozent aus normalem Leitungswasser und ist absurderweise sogar teurer ist als das qualitativ viel wertvollere Mineralwasser. Ich stand daher nicht wirklich hinter der Notwendigkeit meines Produkts, dafür aber bei schlechter Luft und grellem Licht in der Nähe der Tiefkuhlabteilung und habe mir nicht nur die Beine in den Bauch gestanden, sondern auch noch den Arsch abgefroren. Zum Glück war es eine Teamaktion, so dass ich in regelmäßigen Abständen in die Sonne flüchten konnte, um wieder aufzutauen. Wobei die ständigen Pausen nach einer Weile auch langweilig wurden, besonders wenn man in einem abgelegenen Supermarkt in einer Marzahner Plattenbaueinöde seinen Einsatz hat. Auch noch ganz oben auf meiner Liste der ‘No Go Jobs’ rangiert die Alpina Weiss Promotionaktion, bei der ich im letzten Sommer bei vierzig Grad Hitze in der prallen Sonne auf irgendwelchen Weddinger Hinterhöfen oder Zehlendorfer Großbaumärkten Kunden animieren musste, auf eine Torwand zu schießen. Abgesehen von den unzähligen Sonnenbränden, die ich mir dabei geholt habe, sicherlich auch aus eigener Blödheit, da ich mich auch einfach vernünftig hätte eincremen können, war die Arbeit extrem stupide. Diese ständige intellektuelle Unterforderung ist auch das größte Kreuz, das ich bei all meinen Jobs zu tragen haben. Im Endeffekt die Kehrseite meiner selbstgewählten Freiheit und meiner Angst davor, mich mit anderen messen zu müssen.
Ein andere prägende Erfahrung war eine Sommerpromotion für ‘Freddocino’, ein auf Cappucino basierendes Erfrischungsgetränk von Tchibo, bei der ich in einem Team durch Tchibofilialen in ganz Deutschland getourt bin. Die Vorbereitung meiner damaligen Agentur war an Faulheit nicht zu überbieten. Nach fast jedem Einsatz mussten wir manchmal stundenlang in die nächste Stadt fahren und uns dazu dort noch eine bezahlbare Unterkunft suchen. Diese Zeit des Suchens bekamen wir natürlich nicht vergütet. Während meine Teamkollegen dann tagsüber ein klassisches Adressen generierendes Preisausschreiben bewarben, war es meine Aufgabe, auf einer klassischen Gitarre italienische Folkloremusik zu spielen. Diese gehört nicht wirklich zu meinem Repertoire, so dass ich stattdessen anfangs nur depressive Songs von The Cure spielte. Daraufhin beschwerten sich regelmäßig Kunden, da sie es unpassend fanden, an einem schönen, warmen Sommertag schwere, lamentierende Songs in Moll zu hören. Wissend von meinem zweimonatigen Aufenthalt in Rom, dass die Italiener absolute Popsongsfanatiker sind und es daher von allen bekannten Lieder italienische Übersetzungen gibt, fing ich an, italienische Versionen von U2 und Red Hot Chili Peppers Songs zu spielen. Songs wie ‘Desire’ und ‘Californication’ wurden daraufhin zu ‘Desiderio’ und ‘Californicazione’. Ab und zu kamen Italiener vorbei und schmunzelten. Das waren allerdings noch die angenehmen Momente. Mein Teamleiter, der sich gerade in einer Lebenskrise befand, war die meiste Zeit über angespannt, wodurch es oft zu Streitigkeiten kam und die eh schon nervige Arbeit noch unerträglicher wurde. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich jeden Abend in der Dusche meines Hotelzimmer in meinem Kopf die noch zu absolvierenden Einsatztage abhakte und förmlich erlöst war, als die Aktion endlich vorbei war.

Just Do It!

13. Juni 2011

Als ich vor kurzem wieder in meiner Pause die Alexanderstraße überquerte und mir meinen Weg durch die Hunderte von Zettelverteilern bahnen musste, die dort immer auf der Fußgängerinsel lauern, um einen mit Partyflyern zuzumüllen, verteilten diesmal auch ein paar junge Männer Prospekte, um Werbung für ihre muslimische Relgionsgemeinschaft zu machen. Der Prospekt war recht überschaubar und bestand eigentlich nur aus paar Zitaten aus dem Koran und zwei Fotos von den geistigen Führern ihrer Glaubensgemeinschaft. Die üblichen bärtigen Männern mit Turban, die wieder sehr ernst in die Kamera guckten, als ihr Foto gemacht wurde. Ich war noch nie ein großer Fan von Bärten. Eine Erfindung von Männern, die immer mehr darstellen wollen, als sie sind und eigentlich nur dazu dienen, ihre Unsicherheit zu kaschieren. Auch wenn die Bärte in allen möglichen Formen variieren, strahlen sie für mich vor allem immer eines aus: Unreife.
Meine CAE Prüfung rückt immer näher. Henry, unser Lehrer hat uns in den letzten Wochen gut mit Vorbereitungsmaterial versorgt. Hunderte von Übungen liegen nun bei mir zu Hause auf meinen Tischen verteilt. Das Einzige, was jetzt nur noch zwischen ihnen und mir steht ist meine Phlegma. Der tägliche Kampf mit meiner Faulheit ist zur Zeit auch das einzig Stetige in meinem Leben. Dabei ist das Gefühl, wenn ich mich wieder überwunden habe, eines der erfülltesten, das ich kenne. Oft hilft als Motivation natürlich einfach der Zeitdruck. Allerdings habe ich diesen Stressfaktor in den letzten Jahren bewusst und konsequent aus meinem Leben verbannt. Eine Freiheit, die mir jetzt nicht immer zum Vorteil gereicht. Mittlerweile habe ich aber gelernt, die Sachen einfach zu tun, anstelle stundenlang nachzudenken, wie und wo ich anfangen soll. Wie der Nike Werbeslogan schon verspricht: Just Do It.
Die Überwindungen finde ich vor allem in der alltäglichen Routine wie einkaufen zu gehen oder mich wieder zum Sport zu schleppen. Ab und zu treten dann aber auch unerwartete Ereignisse ein, die die monotonen Dinge des Alltags immer wieder spannend machen, wie z.B. als ich gestern bei meinem ‘Body Pump’ Workout war, der normalerweise von etwas hausbackenen Frauen Anfang vierzig gegeben wird. Nur dass diesmal ein krasses Babe auf dem Trainerpodest stand. Ich musste mich wirklich bemühen, sie nicht den ganzen Workout über anzustarren, während sie mit uns voller Power, aber auch mit Humor durch die Übungen ging. Als sie sich dann bei den Bauchübungen noch knieend nach vorn beugte und mit einem Tigerblick durch ihren Schmollmund zischte, war ich für ein paar Minuten völlig geflasht. Das Leben ist dann immer wieder voller Überraschungen. Um Robbie Williams zu zitieren: ‘If you feel lost, hurt, tired or lonely… something beautiful will come your way.’
Am Sonntagabend war ich mit einem Freund in Friedrichshain, um das sechste Spiel der diesjährigen NBA Endspielrunde zu sehen. Der Abend stand kurz davor in die Sporthistorie einzugehen. Zum zweiten Mal in ihrer Vereinsgeschichte hatten die Dallas Mavericks nun die Chance die Basketballmeisterschaft für sich zu entscheiden und mit ihnen ihr Zugpferd Dirk Nowitzki, der schon vor dreizehn Jahren aus Würzburg in die amerikanische Profiliga rekrutiert worden war. Es lag also ein Hauch von Patriotismus in der Luft, als ich mich nachts um zwei Uhr mit meinem Fahrrad auf in die ‘Salamas’ Sportsbar machte. Dort angekommen war schon viel los und die eh schon kleine Bar komplett überfüllt. Harry hatte uns glücklicherweise zwei Sitzplätze vor dem Eingang gesichert, von wo aus wir dann durch eine der beiden großen Fensterscheiben das Finale live miterleben konnten. Zwar ohne Ton, aber dafür waren wir an der frischen Luft und mussten uns nicht der stickenden Schwüle im Laden aussetzen. Dem Besitzer der Bar, der aussah wie ein Handlanger vom ägyptischen Antiquitätenhändler in der Kantstraße, war die Müdigkeit sichtlich ins Gesicht geschrieben, als er uns die Getränke servierte. Jedes Mal wenn Dirk Nowitzki einen Punkt machte, stieg natürlich der Geräuschpegel vor der Bar und worauf der Besitzer immer gleich ‘rausgerannt kam und uns ermahnte, leiser zu sein. Die Stimmung war gut, so dass immer wenn wir wieder laut jubelten und er uns mit erboster Miene anguckte, alle ein gemeinsames, übertriebenes ’Schhhh’ machten, das viel lauter war als das Applaudieren davor. Zu meinem Erschrecken sahen viele der Gäste in unserem Alter aufgedunsen und ungepflegt aus und unterstrichen mit ihrer Anwesenheit die schlurfige Schmuddeligkeit Friedrichshains.
Die Sonne war schon aufgegangen, als ich mich dann so gegen fünf Uhr zurück auf den Heimweg machte. Die Dallas Mavericks hatten sich jetzt zum ersten Mal den Meistertitel geholt und ich war froh, bald wieder in Kreuzberg zu sein.