Letting Go

Ich sitze gerade im Flieger nach Bristol, um dort mit Freunden ins neue Jahr hineinzufeiern. Rückblickend war es wieder ein turbulentes Jahr, anstrengend aber produktiv. Dennoch umgibt mich zum Jahresende immer eine gewisse Melancholie. Vielleicht weil ich immer noch dazu tendiere, nur das zu sehen, was ich noch nicht erreicht habe, anstelle mich über meine Erfolge zu freuen und das Jahr entspannt auslaufen zu lassen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mein diesjähriges Weihnachtsfest wieder alte Wunden aufgerissen hat und ich erneut schmerzlich daran erinnert wurde, dass Menschen sich nicht wirklich ändern. Ob nun mein Vater, der im beruflichen Leben ein wirklicher Macher ist und mich mit seinen ständig neuen Projekten immer wieder aufs Neue verblüfft. Er hat in diesem Jahr nicht nur als Sprecher in unzähligen Hörbuchveröffentlichungen agiert, sondern auch ein eigenes Kinderbuch herausbracht.
 Dennoch avanciert er jedes Mal, wenn ich ihn und seine jetzige Lebensgefährtin zum jährlichen Weihnachtsessen zu Hause besuche, zum Dobby, dem Hauself und steht dann dermaßen unter Druck, dass mit ihm allein kein lockeres Gespräch möglich ist. Viel ernüchternder ist aber, dass er jetzt seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter hat und sie selbst zu der geplanten Feier seines siebzigsten Geburtstags nicht eingeladen hat. Eine Feier, zu der über achzig Leute kommen werden. Also anscheinend jeder, der ihn in seinem bisherigen Leben begleitet hat, nur nicht die Frau, mit der er über dreiundzwanzig Jahre zusammengelebt hat. Diese Zeit scheint er völlig ausgeblendet zu haben. Das geht sogar so weit, dass er vor zwei Jahren ein Buch über seine Leben als Autor in der ehemaligen DDR geschrieben hat, in dem sein Alter Ego sich gegen das poltische System auflehnt und Zuflucht in einem kleinen Dort in Mecklenburg-Vorpommern findet. Das Dorf gab es wirklich. Dort haben wir damals als Familie über viele Jahre unsere gemeinsamen Wochenenden und Sommerurlaube verlebt. Für mich war es mit die schönste Zeit in meiner Kindheit, zu der ich gern zurückblicke, auch wenn diese durch das Schweigen meiner Eltern immer mehr verblast. Die Geschichten, die wir dort erlebt haben, beschreibt er bis ins letzte Detail, nur werden mein Mutter und ich nicht in einer Zeile des Buches erwähnt. Somit bleibt die Aufarbeitung seiner Vergangenheit ein eitler, verklärter Rückblick auf seine Person und zeigt gleichzeitig, dass er die Beziehung zu meiner Mutter ebenso wenig verarbeitet hat wie sie.
Den Heiligabend und den zweiten Weihnachtsabend verbringe ich eigentlich immer bei meiner Mutter und freue mich dann immer schon drauf, nicht zuletzt weil sie eine super Köchin ist und es wirklich versteht, eine gemütliche und fast schon Bilderbuch gleiche Weihnachtsstimmung zu schaffen. Es ist ein tolles Gefühl, immer noch einen Ort zu haben, an dem man einfach loslassen und man selbst sein kann. Die vermeintliche Idylle hielt dieses Jahr aber nur bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag. Kaum war ich bei ihr, wurde ich über meinen Vater ausgefragt und musste ertragen wie sie gegen ihn wetterte. Ich kam mir an dem Abend wieder vor, wie in den Jahren nach der Trennung meiner Eltern, in den ich mir jeden Morgen zum Frühstück stundenlange Monologe anhören musste, die sie in ihrer Rolle bestätigen sollten. Ihr Leid zu sehen, ist nach all den Jahren nicht das Schmerzhafteste, sondern ihr Kontra zu geben und dann wieder vor einer gepanzerten Stahlwand zu stehen, da sie jegliche Kritik an ihrer Person sofort abblockt. Sie streitet in solchen Momenten rigoros alles ab und wenn das nicht funktioniert, kommen Sätze wie: „Du bist aber genauso!“ Das führt dazu, dass wir nach einer Auseinandersetzung weder zu einer Aussprache noch zu einem gemeinsamen Konsens kommen. Geschweige, dass sie sich bei mir entschuldigt, wenn sie merkt, dass sie übertrieben reagiert oder gehandelt hat. Auf diese Weise bleibt bildlich nach jedem Streit ein großer Elefant im Raum stehen, der nach einer Weile einfach ignoriert, bei jedem folgenden Besuch aber immer größer wird.
Bei all meiner Enttäuschung habe ich vielleicht einfach zu hohe Ansprüche, denn immerhin haben mir beide eine wirklich schöne Kindheit gegeben und vor allem das Urvertrauen, geliebt zu sein. Dazu haben sie mich in meinem beruflichen Weg immer bedingungslos unterstützt, egal wie abstrus meine Wünsche und Träume auch waren. Auch während des zivilrechtlichen Verfahrens gegen mich hat mein Vater mir sofort Geld geliehen und meine Mutter hat mich für fast ein Jahr bei sich wohnen lassen. So gesehen waren sie in ihrem zu leistenden Rahmen immer für mich da. Diesen zu sprengen und auf einmal zu einer reflektierenden Familie zu werden, die Probleme gemeinsam anspricht und zu lösen versucht, bleibt wohl genauso eine Illusion wie die Aussicht, dass wir zu dritt jemals wieder einen Tisch teilen werden.