Brooklyn, Baby

Mit Air Berlin nonstop bis JFK. Der Flug war recht kurzweilig, obwohl ich später das wieder komplett in Cellophan eingetüte Flugzeugessen bereuen sollte. Aber vielleicht war es auch die Mischung aus dünner, klimatisierter Luft und die Tatsache, dass wir in acht Stunden mehrere tausend Kilometer zurückgelegt hatten. Am Flughafen mussten wir uns gleich dem übertriebenen Sicherheitswahnsinn der Amerikaner beugen, der dreizehn Jahre nach den Twintoweranschlägen immer noch nicht abgenommen hat. Man steht nach einem langen, ermüdenden Flug gut eine Stunde in einer Warteschlange, um dann wie ein vorbestrafter Krimineller verhört und seine Finger- und Daumenabdrücke abzugeben und das nur, weil amerikanische Interessengruppen vor mehr als einer Dekade zwei Flugzeuge in das ultimative Freiheitssymbol Amerikas fliegen haben lassen. Sie haben auf jeden Fall alles richtig gemacht. Gerade wenn man die erst vor kurzem errichteten, imposanten Gedenkstätten der zwei beiden Hochhäuser des World Trade Center sieht, die auf ewig die Illusion am Leben erhalten werden, Amerika wurde Opfer eines von bärtigen, islamistischen Höhlenbewohnern geplanten Terroranschlags. Mein Zollbeamter war sichtlich interessiert, als ich ihm erzählte, dass wir nach New York gekommen sind, um ein Musikvideo zu drehen. Innerlich musste er auch gedacht haben: ‚Hier kommen täglich so viele Menschen aus aller Welt her, um ihre Träume zu verwirklichen und ich verschwende hier fünf Tage die Woche in einer fensterlosen Halle meine Lebenszeit.‘ Wobei er als Regierungsbeamter sicherlich immer noch einen besser bezahlten Job hat als der junge Mann, der vor den Absperrbändern stand und die ankommenden Reisenden zu den jeweiligen Schaltern schickte. Das war auch das erste, was uns nach unserer Ankunft aufgefallen ist: Die Vielzahl an miserabel bezahlten, drögen Dienstleistungsjobs. Ob nun der Sicherheitsbeamte, der vor dem Haupteingang von JC Penneys, einem C&A ähnlichen Bekleidungskaufhauses, steht und jeden der ‘reinkommt mit dem Satz ‘Welcome to JC Penneys!’ begrüßt und das wahrscheinlich zehntausend Mal am Tag oder der Toilettenmann der eleganten Rooftopbar an der Upper Westside, der den gesamten Abend im Dunkeln direkt vor der Klotür steht und sich die unterschiedlichen Verdauungsgeräusche der Gäste anhören muss. Ich frage mich dann immer nur, wie man sich mit solch einem Job eine Wohnung, geschweige denn eine Familie in New York leisten kann. Anscheinend nur schwer, wenn man bedenkt, dass nur fünfzig Prozent aller Amerikaner einer Vollbeschäftigung nachgehen, von denen wiederum sich nur fünfundzwanzig Prozent davon komplett selbst finanzieren können und nicht von der Regierung herausgegebene Essensmarken in Anspruch nehmen müssen. Amerika ist in seiner kapitalistischen Reinstform nur ein Beispiel für eine Welt, in der fünfzig Prozent des gesamten Vermögens weniger als hundert Menschen gehört, während sich der Rest den Arsch abarbeitet, um halbwegs über die Runden zu kommen. Unternehmen in Amerika allein halten ein Gesamtvermögen von fünfzig Trillionen Dollar, von denen wiederum elf Trillionen auf irgendwelchen Off-Shore Accounts gelagert sind. Noch trauriger ist es, dass man eigentlich nur vierzig Milliarden Dollar investieren müsste, um die Armut auf dieser Welt zu stoppen. Dieses ungleiche Verhältnis ist mehr als absurd und um es mit Russell Brand’s Worten bildlich zu verdeutlichen: It’s like having 500 quid in your pocket and a starving child says: „Can I have 40 pence, please?“ going: „No, fuck off! 500 is a round number. I need it. This money is going on holiday.“

Um Geld zu sparen, hatten wir uns vorher eine Route mit den öffentlichen Verkehrsmitteln herausgesucht, was uns direkt zu einem Bus führte, der nur von Schwarzen benutzt wurde und uns als einzige weiße Fahrgäste durch den Bezirk Jamaica fuhr. Da wir kein Kleingeld hatten, sondern nur Scheine, ließ uns der Fahrer umsonst mitfahren. Etwas, was in Deutschland fast unvorstellbar ist, insbesondere wenn ich an eine meiner letzte Busfahrten durch Zehlendorf denke, bei der sich der BVG Angestellte pedantisch von jedem Fahrgast den Fahrschein zeigen ließ, egal wie voll es war. Das schien unserem Fahrer an dem Tag aber völlig egal zu sein, als er uns einsteigen ließ, um weiter seine ganz persönliche Ralley zu fahren. Wir waren uns in dem Augenblick nicht so ganz sicher, ob er nach Zeit oder nach der zurückgelegten Strecke bezahlt wird, während mir so langsam das klinische Essen des Fluges wieder hochkam. Nach fast zwei Stunden Odyssey kamen wir endlich in unseren Unterkunft in Brooklyn an. Lulu, unsere Vermieterin war natürlich nicht da, nachdem wir wir sie um fast drei Stunden versetzt hatten, woraufhin wir sie anriefen und Christian erst ‘mal loszog und beim lokalen ‚Seven Eleven‘ etwas Essen für den Abend zu besorgen. Eine halbe Stunde später und zwanzig Dollar leichter hatten unseren ersten Einkauf hinter uns gebracht. Beim Lesen der Rechnung wurde uns schnell klar, warum die Fettleibigkeit in Amerika immer noch keinen Abbruch gefunden hat. In einem Land, wo Cola teilweise billiger ist als Mineralwasser und wir gerade für einen Apfel soviel bezahlt hatten wie für einen Hamburger.

Den ersten Tag unseres Aufenthalts verbrachten wir in sämtlichen Bekleidungsläden in der 34th Street und bei ‚B&H‘, dem größten Fachgeschäft für Kamera- und Videoequipment in New York. Christian wollte sich für unseren Videodreh noch ein paar lichtstarke Festbrennweiten kaufen und ich als Kamerapromoter wollte den berühmten Laden wenigstens auch ‘mal gesehen haben. Auch weil dort zu achtzig Prozent streng orthodoxe Juden arbeiten, die mit den im jüdischen Glauben verbundenen Schläfenlocken und Kippas als Kopfbedeckung auf Kameras und Objektive beraten und wir uns kurzzeitig vorkamen wie auf einem Basar in einer Synagoge. Ich hatte während der gesamten Zeit einen Kloß im Hals, der noch dadurch verstärkt wurde, als uns einer der älteren Mitarbeiter auf deutsch verabschiedete. Worauf mir wieder bewusst wurde, dass ich mit dem jüdischen Volk karmisch verbunden bin, wobei ich mir dabei nicht so sicher bin, ob es daran liegt, dass ich väterlicher- und mütterlicherseits jüdische Vorfahren habe oder vielleicht in meinem letzten Leben als sadistischer Nazi gewütet habe.
Während Christian sich mehrere Audioaufnahmegeräte zu seiner Vollformatkamera erklären ließ, kamen wir mit dem Verkäufer Bill ins Gespräch, der in den achtziger Jahren als Toningineur mit Otto Waalkes auf Deutschlandtour war, nachdem er zuvor Otto’s Manager VHS Kopien der damals laufenden Saturday Night Shows zugespielt hatte, für die er damals als Tontechniker tätig war, damit dieser daraus Ideen für Otto’s neue Shows ziehen konnte. Dieses sollte aber nicht unsere letztes skurriles Treffen in New York sein. Die ersten beiden Abende zogen wir los, um Orte für unseren Dreh zu finden und da die erste Einstellung eine Langzeitbelichtung und Totale der New Yorker Skyline werden sollte, hatte Christian die Idee, diese von der Aussichtsplattform des legendären Rockefeller Centers zu machen und alternativ noch ein paar Rooftopbars auszuchecken. Für mich als fernsehkonditionierter Mensch und absoluter Late Night Show Fan war es ein spannendes Gefühl in dem gleichen Gebäude zu sein, in dem jede Woche fünf Sendungen der ‚Tonight Show mit Jimmy Fallon‘ aufgenommen werden, als wir nach Karten für die Aussichtsplattform anstanden. Wie auch bei den Rooftopbars, die an dem Abend noch folgen sollten, war es leider nicht gestattet ein Stativ mitzubringen, womit wir unseren Plan ändern mussten und stattdessen die Skyline vom Ufer des Hudson Rivers in der Nähe der Brooklyn Bridge gefilmt haben. Die erste Rooftopbar, die wir uns noch am selben Abend angucken wollten, war im Metropolitan Museum im Central Park gelegen. Was ich nicht wusste, ist, dass das Museum ein gigantisches, weißes Bauwerk nach römischen Vorbild ist, das wirkt, als wäre es direkt aus der Antike in das moderne New York gebeamt worden. Ein Bauwerk, das Cäsar garantiert vor Neid hätte erblassen und auch Hitler, die ein oder andere Träne der Gerührtheit ins Auge hätte laufen lassen. Nur dass uns dort nicht arische Athleten am Eingang erwarteten, sondern zwei knuffige, schwarze Sicherheitsbeamte, die sichtlich gut gelaunt waren, als wir sie fragten, ob die Bar noch offen ist. Beide wirkten zu der Tageszeit mit ihrer extremen guten Stimmung etwas surreal und erinnerten mich an ein Stand-Up Comedy Paar, auch weil sie in ihrer Physiogonomie sehr unterschiedlich waren. Der eine lang und hager und der andere dick, gedrungen und mit einem gigantischen Überbiss mit strahlend weißen Zähnen. Nachdem wir erfahren hatten, dass die Bar immer schon am Nachmittag geschlossen ist, zogen wir weiter zur Rooftopbar vom ‚Ink48‘ Hotel in der 11th Avenue, von der uns Lulu zuvor vorgeschwärmt hatte. Auf unserem Weg dorthin kamen wir erneut an den Hunderten von Apple Jüngern vorbei, die auf mehrere Häuserblöcke verteilt die gesamte Nacht ausharrten, um am nächsten Morgen eines der neuen IPhones zu ergattern. Lustigerweise waren es zu fast neunzig Prozent asiatische Landsleute, die dort ihren anstehenden Erwerb des neuen überteuerten Gadgets ausgelassen zelebrierten. Als ich daraufhin einen der Mitarbeiter des Apple Stores fragte, warum denn ausgerechnet nur Asiaten hier anstehen und ob diese vielleicht von Leuten mit Geld geschickt wurden und mich somit gleich unbewusst in die rassistische Ecke katapultiert hatte, bekam ich nur die leicht genervte Antwort: ‘Sir, I don’t know their intentions. All I know that they are customers from Apple.’
Bei der zweiten Open-Air Bar angekommen, die sich auch gleich als cooler Indieclub entpuppte, mussten wir zunächst eine halbe Stunde anstehen, bevor wir von einem der Security Guards in den Fahrstuhl geführt wurden und waren auch gleichzeitig sehr erleichtert, als wir nicht abgewiesen wurden, weil Christian an dem Abend mit kurzen Hosen und ich mit T-Shirt und Rucksack unterwegs war. Die Aussicht auf die Skyline Manhattans war überragend und als noch Spoon’s Mystery Zone anfing, im Hintergrund zu spielen, war der Moment perfekt, während wir bei einem leichten Sommerwind die Magie des nächtlichen New York aufnahmen. Ein Ort, der mit seiner Leichtigkeit und Vielfältigkeit einer multikulturellen Millionenmetropole Paris in seiner Romantik schon lange den Rang abgelaufen hat. Es war auch unser letzter Abend mit einem touristischen Programm, da wir die restlichen Nächte komplett gefilmt haben. Obwohl wir eigentlich noch in einen der bekannten Stand-Up Comedy Clubs wie Dangerfield’s oder Musikclubs wie The Bitter End gehen wollten, in dem u.a. auch Lady Gaga einen ihrer ersten Auftritte hatte. Andere bekannte Clubs sind The Cutting Room und Rockwood Music Hall, in dem jeden Abend auf drei verschiedenen Bühnen im Stundentakt bis zu fünfzehn unterschiedliche Künstler auftreten. Da bekommt der Satz ‘If you can make it there, you can make it anywhere.’ wieder eine ganz neue Gewichtung.

Auffällig war, dass die Stadt trotz voller U-Bahnen gefüllt ist mit panzerartigen SUVs und Vans, die jedes europäische Auto im Vergleich dazu aussehen lassen wie ein Golf Cart. Anscheinend eines der Statussymbole des amerikanischen Traums, das aufgrund der immer noch sehr niedrigen Benzinpreise weiterhin bezahlbar ist, da eine volle Tankfüllung gerade ‘mal umgerechnet vierzig Euro kostet. Ein Luxus, von dem man in Deutschland nur träumen kann. Ansonsten haben mich nach dem kurzen Trip zwei Dinge nachhaltig beeindruckt. Das ist zum einen der gegenseitige Respekt, der einem überall entgegenbracht wird. Als Paradebeispiel fällt mir der Nachmittag ein, an dem wir uns im Madison Square Park auf einer der Parkbänke von unseren Laufstrapazen erholt haben, als uns eine Frau, die ein Bank von uns entfernt saß, fragte, ob es uns stören würde, wenn sie sich ihre Nägel lackiert.
Da im Video auch eine Autoszene vorkommt, hatten wir uns für zwei Tage ein metallikblaues Ford Mustang Cabriolet ausgeliehen, mit dem wir natürlich auch tagsüber unterwegs waren, um weitere Drehorte auszuchecken. Das Auto war jetzt nicht direkt als Mietwagen gekennzeichnet, worauf wir mehr als einmal auf unseren Wagen angesprochen wurden oder positiven Zuspruch bekommen haben. Ob nun ein Thumbs-Up von einem vorbeifahrenden Camaro Fahrer auf der Autobahn oder von einem Fußgänger, der uns begeistert zeigte, dass seine Schuhe die gleiche Farbe haben wie unser Auto. Oder auch der Italoamerikaner, der mich an dem Sonntag, als die halbe Stadt wegen der jährlichen Natokonferenz abgesperrt war, im Stau auf der Seventh Avenue ansprach und im Martin Scorsese Film ähnlichen Akzent meinte: ‚Man, I’ve never been so stuck traffic in my whole life‘, ohne zu wissen, dass das Benzin schluckende Muscle Car nur gemietet ist und ich ansonsten ein gebrauchtes Fahrrad fahre, das in seiner Sexiness und Coolness Lichtjahre entfernt ist von dem Auto, in dem ich mich an dem Tag befand. Und das ist auch das zweite, was mir in New York aufgefallen ist. Es gibt wenig Neid und Konkurrenzdenken. Die Leute gönnen dir dein schickes Sportauto und freuen sich für dich. Das ist sicherlich Teil des amerikanischen Traums. Alle haben auf den ersten Blick die gleichen Chancen, es im Leben zu schaffen und wenn man etwas erreicht hat und es zur Schau stellt, wird man bewundert, wo wir wieder bei dem Respekt sind, der in unserem Land leider oft fehlt. Ein Land, dessen System aufgrund der schnell zu erreichenden finanziellen Absicherung und der daraus resultierenden Sättigung oft Neid und Misgunst schürt, weil man sich existentielle Dinge im Leben nicht wirklich hart erarbeiten muss.
Am vorletzten Abend haben wir dann noch zwei lustige Bekanntschafften gemacht. Zum einen Wanda, die extrovertierte Gospelsängerin, die unbedingt mit im Video sein wollte und immer wenn ich über die Straße lief, während Christian filmte, hinter mir herrannte und völlig unerwartet anfing, wild zu tanzen und als wir daraufhin die gerade gedrehte Szene auswerteten, sich mit unfreiwillig komischen Kommentaren unsere Gunst erschleichen wollte. ‚He’s doing good.’ ‘Yes, he’s walking in slow motion across the street.’ Weitaus beindruckender war allerdings Jerry, ein schottischer, ehemaliger Navy Seal, der auf der Natokonferenz als Bodyguard für die russische Delegation gearbeitet hatte und gerade aus einem Pub kam und wahrscheinlich seinen gigantischen Gehaltsscheck für zwei Tage Arbeit gefeiert hat, als wir eine unserer letzten Einstellungen filmten. Während wir mit ihm sprachen, zeigte er zwischendurch mehrmals auf das The Expendables III Filmplakat an der Bushaltestelle, an der wir standen und meinte nur: ‚My buddies!.‘ Zuerst glaubten wir nur, dass das eine Anspielung auf seine militärische Vergangenheit war, bis er uns auf einmal erzählte, dass er in den letzten zwanzig Jahren für fast alle Actionhelden auf dem Plakat als Bodyguard gearbeitet und auch zu jedem eine passende Anekdote parat hatte.
Rückblickend waren es sehr schöne, intensive, aber auch anstrengende Tage in der Stadt der Städte. Wir haben viel erlebt und gesehen. Bei aller Begeisterung muss ich allerdings sagen, dass mir New York für einen längeren Aufenthalt zu hektisch und vor allem zu teuer ist.