Setting Boundaries

L.A. Eine Stadt, die nicht wirklich den besten Ruf genießt. Groß, unüberschaubar, dreckig und eigentlich nur mit dem Auto erkundbar. Ich war bisher schon zweimal da, einmal mit meinen Eltern Anfang der 90er Jahre und dann mit Freunden kurz nach dem Abi. Bei den beiden Malen habe ich wie die meisten Touristen eigentlich nur das Standardprogramm absolviert, was daraus besteht, zum Hollywood Boulevard und nach Venice Beach zu fahren. Ein Grund also, die Stadt noch einmal richtig zu erkunden. Ein weiterer Grund war einen Freund von mir zu besuchen, der dort inzwischen vier Läden besitzt, die Berliner Döner verkaufen.
Der Hinflug war die Hölle. Zuerst ging es nach Düsseldorf und von dort aus nonstop nach L.A.. Gleich zu Beginn begannen die ersten Turbulenzen, die dann die weiteren 12h auch nicht wirklich abrissen. In etwa so wie bei einer Achterbahnfahrt, nur dass diese in der Regel nach fünf Minuten vorbei ist. Viel schlimmer war allerdings der superenge Sitz, der es einem kaum ermöglichte, sich zu bewegen, geschweige denn ab und zu Schlaf zu finden. Eine bewusste Massnahme, die inzwischen immer mehr Fluggesellschaften anwenden, um ihre überteuerte Economy Plus-Klassen anzubieten, die gleich viel teuerer ist und die vor ein paar Jahren noch regulär als Economy zu buchen war. Traurig, dass inzwischen auch bei Langstreckenflügen mit den Tricks der Billigflieger gearbeitet wird. Angefangen von Zusatzkosten für die freie Platzwahl, extra Gepäck bis hin zum Wahlessen. Meine bei AirBnB gebuchte Unterkunft lag im Latin Quarter Lincoln Heights und bestand aus einem ziemlich kleinen Zimmer ohne Fenster und war eher funktional als gemütlich. Tom, mein Host, ein australischer Künstler war auf jeden Fall entspannt und auch immer offen für ein Gespräch über Verschwörungstheorien.
Matthias, der gemeinsam mit seinem Bruder vor ein paar Jahren in Los Angeles seinen ersten Dönerladen aufgemacht hatte, wohnte zu dem Zeitpunkt noch in Venice Beach. Das war auch einer der schönsten Tage dort. Mit dem Fahrrad mit ihm und seiner jungen Tochter Sophia die Strandpromenade entlangzufahren, um dann schließlich am Manhattan Beach ein Thunfischsandwich und in der Eisdiele einer seiner Freunde ein veganes Schokoladeneis zu essen.
Vom Wetter her ist die Küste Los Angeles wunderschön und man merkt schnell, warum Kalifornien für viele Amerikaner daher einer der Lieblingsbundesstaaten ist. Nur hat leider auch alles dort eine sehr nüchterne Kehrseite und zwar die vielen Obdachlosen, die auch aus dem selben Grund aus ganz Amerika in den drittgrößten Bundesstaat kommen. Und diese sieht man überall in der Stadt. Ob nun am Strand, entlang des Sunset Boulevards oder auch mitten in der City. Nur wenige Meter entfernt von der Walt Disney Hall und dem Getty Museum sieht man dann kilometerlang Zelte aufgereit. Ein Anblick der für viele Europäer eher befremdlich ist, da hier die Obdachlosen meistens am Bahnhof hausen oder in ärmeren Vorbezirken der Stadt. Obdachlos wird man in den USA sehr schnell. Da reicht eine zu hohe nicht bezahlte Arztrechnung oft aus und man verliert seinen Wohnsitz, weil die meisten Häuser auf Hypotheken laufen. Hier erweist sich Amerika wieder als extremes Beispiel für den Hyperkapitalismus, in dem ein paar reiche Unternehmer soviel besitzen wie 50% der ärmsten Einwohner des Landes. Da gibt es im reichsten Land der Welt mit einem Bruttoinlandsprodukt von 22 Billionen Dollar (2019) immer noch keine kostenlose, gesetzliche Krankenversicherung.
Nach knapp einer Woche kam noch ein Promotionkollege mit seiner Freundin nach L.A., um in Las Vegas zu heiraten. Da es für beide das erste Mal in Amerika war und sie auch der englischen Sprache nicht so mächtig waren, hatten sie mich gebeten, sie nach Las Vegas zu begleiten und auch gleichzeitig ihr Trauzeuge zu sein. Zu dem Zeitpunkt sah ich das allerdings noch als ein lustiges Abenteuer und ahnte nicht, zu was für einen Alptraum sich die kommende Woche entpuppen würde.
Der ganze Scam begann, als ich sie vom Flughafen abgeholt habe und sie mir beim Mietwagenverleih offenbarten, dass er keinen Führerschein hat und sie zwar fahren kann, aber sich nicht traute, in LA Auto zu fahren. Ich bot daher an, sie zumindest zu ihrem gemieteten Apartment in Hollywood zu fahren. Was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste, war, dass sie mich in ihren Augen schon längst als Chauffeur, Übersetzer, Fotograf und Stadtführer eingeplant hatten.
Was nicht wirklich entspannt war, dass er sich einen Chevrolet Camaro gemietet hatte, der zwar cool aussieht, sich aber durch die tiefen Sitze und die schmalen Fenster fährt wie ein gepanzertes Fahrzeug. Dazu kam, dass ich die interne Navigation nicht benutzen durfte, weil beide kein Englisch verstanden, was wiederum dazu führte, dass er uns mit Google Maps mehrmals in die falsche Richtung schickte.
Im Hotel angekommen parkte ich ihr Auto in der ihnen zugewiesenen Parkgarage und fuhr wieder mit der U-Bahn und dem Bus zurück in mein Quartier im Latinoviertel.
In den kommenden Tagen hatten wir ähnliche Ziele, so dass wir uns arrangierten, dass ich sie jedes Mal früh morgens abholen würde und wir dann gemeinsam den Tag bestritten. So ging es nach Venice Beach, zum Hollywood Boulevard, nach Malibu und an einem Tag auch zur Aufzeichnung der Conan O’Brien Show in den Warner Bros Studios.
Was allerdings auffällig war, dass sie mich zu keinem Zeitpunkt zu einem Kaffee oder einem Essen eingeladen haben, sondern es anscheinend völlig normal empfanden, dass ich sie den ganzen Tag chauffieren und auch als Übersetzer fungieren würde, obwohl ich dort ebenso wie sie im Urlaub war.
Kurz darauf kam auch schon der große Tag in Las Vegas. Der Plan war, morgens früh hinzufahren, die Trauung zu haben, eine Nacht zu bleiben und am nächsten Tag wieder zurückzufahren.  Während der 4-stündigen Autofahrt bemerkte ich schon gewisse Spannungen zwischen den beiden, weil er die Tendenz hatte, sie regelrecht herumzukommandieren. Wo sie irgendwann zu mir meinte: ‚Er gibt mir immer nur die ganze Zeit Anweisungen, ohne sich aber jemals dafür zu bedanken! Findest du das nicht auch super unhöflich.‘ Ich dachte, mir dann nur: ‚Ja, klar! Aber ich will ihn auch nicht heiraten.‘
Später erzählte sie mir noch, dass sie eigentlich unter einer extremen Flugangst leidet und auch nur mit Las Vegas gekommen sei, weil er ihr angedroht hatte, sich von ihr zu trennen, wenn sie nicht mitkäme.
Wobei sein ganzer Bewegungsgrund da keinesfalls romantischer Natur war, sondern rein pragmatisch, da eine Hochzeit in Las Vegas viel günstiger war als in Brandenburg ein riesige Party für die gesamte Verwandtschaft auszurichten. Erpressung fand ich dann auch nicht so die beste Basis für eine Liebeshochzeit. Aber ich wollte ihn wie gesagt an dem Tag auch nicht heiraten.
Die Trauung selber fand in einer kleinen Kapelle statt und wurde von einem deutschsprachigen Pfarrer gehalten. Das einzige Highlight des Abends war die  junge, mexikanische Fotografin, die die Hochzeit auf Film festhielt und dort anscheinend einen ganz guten Nebenverdienst hatte. Wieder mit der gemieteten Limousine im Hotel angekommen irrten wir ein wenig durch das vergammelte Foyer des New York, New York Hotels, das anscheinend seine letzte Renovierung in den 80er Jahren gesehen hatte. Abgetretene Teppiche, überall veraltete Spielautomaten und ein paar trottende Angestellte in schlecht sitzenden Polyesteranzügen. Es hatte auf jeden Fall nicht mehr das Flair, das ich noch in den 90er Jahren empfand. Auch die bildhübsche, gestylte Afroamerikanerin, die mich dort ansprach, erwies sich als professionelle Prostituierte. So zerbrachen in der Hotellobby in nur kurzer Zeit wieder sämtliche Illusionen, die mir Hollywood über Jahrzehnte konsequent als plausibel verkauft hatte.
Die beiden entschieden sich dann, ihren Hochzeitsabend und einzige Nacht in Las Vegas im Fast Food Lokal in der Nähe des Hotels zu verbringen und danach wieder zurück aufs Zimmer zu gehen. Was mir nur Recht war. Denn innerlich hatte ich mich schon seit unserer Hinfahrt entschieden, nach dem Trip getrennte Wege zu gehen. Eine Fahrt, in der mich beide im Auto ständig zugetextet haben, wie ich am besten zu fahren habe und die mit dem Satz: ‚Hopp, hopp, ab ins Auto!‘ ihrerseits mir gegenüber, mich letzten Endes komplett zum Ausflippen gebracht hat – nachdem ich einen Mann auf der Straße nach dem Parkplatz des Hotels gefragt hatte, obwohl beide mir versicherten, dass eines der größten Hotels in Las Vegas keine Parkmöglichkeit hat. Der ältere Mann antwortete darauf nur mit verdutztem Blick: ‚Sure, the hotel has a parking lot. It’s the huge 4-story building right over there.‘
So fühlte ich mich zum ersten Mal befreit von meiner oktroyierten Anstellung, die nicht nur unbezahlt war, sondern mich zudem auch noch Geld kostete, da ich sogar für den Abend mein Hotelzimmer zahlen musste. Ich zog daraufhin los, um mir die gefeierte Zaubershow von Criss Angel im Luxor Hotel anzugucken. Wenigstens eine kleine Wiedergutmachung für die ganze Tortur der vergangenen Tage, auch wenn die Karte dafür völlig überteuert war. Auf der Rückfahrt kamen wir noch in einen krassen Hagelregen, wodurch wir gezwungen waren, mehrmals an der Autobahn anzuhalten. Daher war ich umso erleichterter, als wir endlich wieder unversehrt in Hollywood ankamen. Das war auch das letzte Mal, dass ich die beiden gesehen habe, obwohl schon ein paar Tage später erneute Angebote kamen, sie zum Meeres-Themenpark Sea World im Süden Los Angeles zu fahren.
Rückblickend war es anscheinend wieder eine Lektion, möglichst frühzeitig seine Grenzen zu setzen, da man ansonsten schnell Gefahr läuft, ausgenutzt zu werden. Und mir wurde wieder bewusst, dass Menschen aus unterschiedlichen Gründe heiraten. Das ist in vielen Fällen, nicht immer die große Liebe, sondern auch oft die Angst, allein zu bleiben. Wie er noch kurz vor der Reise zu einer gemeinsamen Freundin sagte, als sie ihn fragte, warum er jetzt schon heiraten will, er nur erwiderte: ‚Na, ich finde doch niemand Besseren!‘
Ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit in Las Vegas waren beide dann auch schon wieder geschieden.