Amritsar!

Dienstag, 28. Juli 2009

Amritsar. Die einzige Stadt in Indien an der pakistanischen Staatsgrenze und mit eine der größten Städte im Punjabi Staat im nord-westlichen Teil von Indien. Wie fast alle indischen Staaten hat Punjab auch seine eigene Sprache und Schrift. Insgesamt gibt es achtzehn offizielle Sprachen und zwölf Schriftarten in Indien, von denen Hindi die amtliche Hauptsprache ist und Devanagari die offizielle Schrift. Das gibt einem wieder einen guten Eindruck wie groß das Land eigentlich ist. Ich bin jetzt schon seit zwei Tagen an meinem letzten Reiseziel, bevor es wieder zurück geht nach Europa. Das Lucky Guest House ist bis jetzt das komfortabelste und sauberste Hotel, in dem ich war. Ein Riesenzimmer mit Blick auf den goldenen Sikh Tempel, eigenem Bad, drei großen Betten zur Auswahl und ausgestattet mit einer Klimaanlage, in dem die Übernachtung nur fünfzehn Euro kostet. Ich weiß jetzt schon, dass ich das Preis-Leistungsverhältnis hier vermissen werde. Heute früh war ich in einer Coffee Bar und habe für nur zwei Euro einen Schokoladen Milchshake mit vegetarischem Sandwich bestellt. Mir graut es schon vor meinem Zwischenstopp in Paris, bei dem ich sicherlich mehr Geld ausgeben werde, als hier in einer ganzen Woche.
Gestern Nachmittag war ich an der pakistanischen Grenze, um das Grenzritual zu sehen, das in Amritsar eine der größten Attraktionen und Einnahmequellen ist. Jeden Morgen und jeden Abend wird die Grenze zu Pakistan geöffnet und geschlossen. Das Ganze ist begleitet von einer einstündigen Zeremonie, bei der auf beiden Seiten mehrere Tribünen aufgebaut sind, auf denen Hunderte von Zuschauern sitzen, singen und applaudieren. Es wirkt wie ein Fußballspiel. Die Grenzsoldaten fungieren dabei als Spieler, die sich die lustigsten Bewegunbgsabläufe ausgedacht haben und sich dabei sehr ernst nehmen. Eigentlich wird aber nur die indische Nationalflagge morgens gehisst und abends wieder eingeholt. Davor gibt es Fahnenläufe von weiblichen Zuschauern zur Grenze hin und zurück, die begleitet werden von Schlachtrufen vom begeisterten Publikum. Die Hitze war an diesem Abend unerträglich. Wie ich später erfuhr waren es fast fünfzig Grad. Allein Sitzen war ein Akt. Bevor es losging haben sich wieder etliche Jugendliche mit mir fotografieren lassen. So langsam habe ich das Gefuehl, das wäre eine gute Einnahmequelle als Tourist in Indien. Andererseits ist es auch ganz angenehm für mein Künstlerego, hin und wieder im Mittelpunkt zu stehen. Auf der Rückfahrt habe ich mir ein Taxi mit einem indischen Paar geteilt. Beide waren sehr offen und interessiert an Deutschland. So hatte ich auch die Gelegenheit, etwas mehr über Indien zu erfahren. Kinderarbeit ist zwar offiziell verboten, ist aber in so einem großen Land wie Indien nicht wirklich zu kontrollieren. Daher ist der Staat sehr bemüht, diese zumindest einzudämmen. Vor allem durch kostenlose Bildung, um den Eltern einen Anreiz zu geben, ihr Kind nicht für sich arbeiten zu lassen und stattdessen zur Schule zu schicken.
Das Stadtbild in Amritsar unterscheidet sich nicht sehr von dem Delhis. Der Verkehr ist laut und chaotisch und die Straßen sind vollgestopft mit Menschen, die sich alle mit einem Lächeln durch ihren Alltag schlagen. Gerade vor dem ‘Golden Temple’ stehen viele Bettler. Kinder und alte Leute verkaufen einfache Turbane für die Besucher, die so aussehen wie die Pionierhalstücher in der damaligen DDR. Ein Junge steht jeden Tag mit seinem blinden Großvater vor dem Tempel und bittet um Almosen. Was für ein Leben. Sowohl für den Jungen, der mich immer beschämt anguckt, wenn er um eine Gabe bittet, als auch der alte, blinde Mann, der sich seinen Lebensabend sicherlich auch etwas anders vorgestellt hat, als stundenlang hinter seinem Enkel hergezogen und vorgeführt werden wie ein Stück Vieh auf dem Jahrmarkt. Szenen wie diese sieht man in Indien überall. Menschen ohne Zähne, Menschen mit verkrüppelten Füßen, die auf allen Vieren kriechen oder auf einem Skateboard vorbeirollen, Alte mit Krücken, die die Straße entlanghumpeln, Verkäufer, die frittierte Mehlspeisen oder verdünntes Softeis anbieten, hagere Fahrradrickshahfahrer, die sich in glühender Hitze die staubigen Steigungen hochkämpfen und dabei zwei dicke, faule Touristen im Schlepptau haben. Alles wirkt trotz der Hektik sehr entpannt. Nach nur knapp drei Wochen hat Indien schon einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, so dass ich mir mit meinen Problemen oft lächerlich vorkomme.
Wer es hier in Indien allerdings am schwersten hat, sind die Lastenpferde und Esel, die bis aufs Blut geschunden werden. Soviel verzweifelte und hoffnungslose Blicke habe ich auf meinem Reiterhof in Bergen an der Dumme nie gesehen. Bis auf die gemästeten, heiligen Kühe wirken in Indien alle Tiere heruntergehungert bis auf die Knochen. Besonders die Straßenhunde sehen immer so aus, als würden sie jede Minute vor Erschöpfung zusammenbrechen. Herrenlos, ausgehungert, irren sie orientierungslos durch die Gassen. Auch kein schönes Karma.
Gestern Abend habe mich mir meine erste fette Käsepizza gegönnt. Das ‘Domino’s’ Zeichen in der Hauptstraße vor meinem Hotel wirkte wie eine Offenbarung, als ich völlig erschöpft von der Grenzzeremonie kam. Dazu gekühlte Pepsi Cola, drei Folgen von ‘30 Rock’ und der Abend war perfekt.
Langsam nähert sich mein quasi Kurztrip dem Ende zu und als Fazit kann ich noch einmal betonen, was ich schon geschrieben habe: Indien ist ein sehr relgiöses, friedliches und vor allem demütiges Land, in dem das soziale Miteinander und die zufriedene Leichtigkeit der Menschen über dem harten, monotonen Alltag stehen. Die Inder leben in völligem Einklang mit sich und der Welt. Hier ist die Verbindung zum Göttlichen noch viel selbstverständlicher und stärker als in der westlichen Welt, die im Gegensatz dazu, oft Angst erfüllt und losgelöst von der Schöpfung scheint.

Bus Ride in India!

Montag, 27. Juli 2009

Vor zwei Tagen war ich zum ersten Mal in einem indischen Kino. Nach dem grauslichen Fernsehprogramm, habe ich mich allerdings bisher noch nicht in einen Bollywood Film getraut. Die Poster sehen wirklich lustig aus, aber ganze vier volle Stunden eine Tanz- und Liebesschnulze auf Hindi zu ertragen, ist doch etwas anderes. Als Land der Gurus und des Ayurveda ist Indien schon immer der Inbegriff für Meditation und Selbstheilung gewesen. Dass das allerdings bis ins Marketing geht, war mir neu. “Experience the healing touch of cinema.” stand auf dem Programmheft. Vor dem Kino selber stand wieder das übliche Security Aufgebot. Metalldetektor inklusive. Ich hatte das Gefühl, ich war bei einer Politikveranstaltung im Gazastreifen, aber nicht bei der Spätvorstellung von Harry Potter. Die Werbung ist überzogen und langweilig wie auch bei uns, nur dass unter jedem Clip Warnhinweise stehen wie “Don’t try this at home. The stunts are being performed are done by trained professionals in a highly secured environment.” Oder so ähnlich. Außerdem wird vor jedem Spot ein rechtliches Zertifikat eingeblendet, das belegt, dass der Spot jugendfrei ist. So etwas nimmt natürlich ein wenig den Traumfaktor. Aber zum Glück war es nur der Werbeblock. Das Kino war ansonsten super modern. Breite, bequeme Sitze und Dolby Digital Sound. Nach dem Ende der Vorstellung bin ich wieder zurück ins YMCA. Mittlerweile war es zwei Uhr früh und die Angestellten von der Rezeption schliefen auf den Empfangssofas am Eingang.
Nachdem das Hämmern unterhalb meines Zimmers am nächsten Tag wieder angefangen hatte und ich daher den ganzen Tag mein Zimmer mied, habe ich schon eher aus meinem Hotel ausgecheckt. Zu hören wie ungelernte Teenager von 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends mit Hammer und Meißel eine Marmorwand aufreißen, um eine defekte Wasserleitung zu reparieren, ist alles andere als Erholung. Ein Königreich für einen Presslufthammer. Please! Ich gab daraufhin gleich dem Hotel Manager Bescheid, um mein vorausgezahltes Geld wiedererstattet zu bekommen. Insgesamt wurde ich noch an zwei andere Personen verwiesen, dem Reservation Manager und dem Kassierer, die mir alle versicherten, dass ich mein Geld am Morgen des Check-Outs wiederbekäme. Natürlich hatte der Concierge am nächsten Morgen keine Ahnung, wovon ich sprach und es dauerte über eine halbe Stunde bis er mir endlich mein Geld auszahlte. Das nervt mich hier. Für jeden Scheiß gibt es eine Quittung, aber wenn man dann wirklich einen Service braucht, ist er nicht da. Es ist so als ob Kinder, die “große, weite Business Welt” spielen. Und das ist nur ein Beispiel. Wieviele Nachrichten mein indischer Freund Sim bei den Angestellten an der Rezeption hinterlassen hat, die mich aber nie erreicht haben, habe ich längst verdrängt.
Danach ging es gleich mit einer Moped Rickshah zum Bahnhof. Leider hatte ich das Geld nicht passend und bekam so auch ich kein Wechselgeld zurück. Das ist auch ein Mysterium hier. Rickshahfahrer haben nie Wechselgeld. Auch wenn es noch so klein ist. Ich habe noch nicht herausbekommen, ob das nur ein gewiefter Trick ist, um mehr Geld zu machen oder ob sie in ihrer Rickshah eine stählerne Spardose eingebaut haben, die sich nur einmal monatlich mit einem Zweitschlüssel öffnen lässt.
Am Hauptbahnhof angekommen, wurde ich auch gleich wieder belagert und zugetextet. “Do you need a taxi, Sir?” “No, thank you. I’m fine.” “Where are you going? Agra? Where are you going? Where are you going?” Als ich daraufhin antwortete: “That’s none of you business, my friend.” wurde er ausfallend und fing an mich zu beschimpfen. Die Geduldsprobe sollte aber noch nicht enden. Denn am Gleis angekommen, kam auf einmal jemand auf mich zu und forderte mich auf, ihm mein Ticket zu geben. Als ich ihm daraufhin meine ausgedruckte Online Reservierung zeigte, meinte er, ich brauchte einen Stempel vom Bahnhofsbüro, ansonsten wäre das Ticket ungültig. Komischerweise war es zuvor nie ein Problem gewesen. Als ich ihm das mit etwas genervter Stimme klar machte, wurde auch er laut und ausfallend mir gegenüber.
Mit dem Zug ging es wieder nach Jaipur, um die letzten Tage gemütlich mit frischem Obstsalat und Honig Lassi auf der Dachterasse vom ‘Pearl Palace’ Hotel ausklingen zu lassen. Leider war es schon komplett ausgebucht, also beschloss ich wieder zurück in den Norden zu reisen, um noch ein paar Städte zu sehen, in denen ich noch nicht war und mit der Hoffnung Ruth und Ella aus Tel Aviv wiederzutreffen, mit denen ich am Abend zuvor ausgegangen war.
Da kein Zug mehr am gleichen Tag zurückfuhr, habe ich kurzerhand ein Busticket gebucht. Ich wußte da allerdings noch nicht, dass die Fahrt zum absoluten Höllentrip werden würde. Ursprünglich wollte ich direkt von Jaipur nach Amritsar fahren. Das wären fünfzehn Stunden Non-Stop gewesen und ich hätte es nur im Delirium überleben können. Eingepfercht mit über vierzig Menschen in einem kleinen Bus. Keine Beinfreiheit, keine Klimatisierung, aber das Schlimmste war das permanente, penetrante laute Hupen des Busfahrers die gesamte Fahrt über. So konnte ich auch nicht schlafen, da ich entweder durch ein scharfes Bremsen, ein lautes Hupen, durch meine schmerzenden Knie oder durch meinen am Stahlrahmen des Innenfensters aufschlagenden Kopf geweckt wurde. Zudem hielt der Bus alle dreißig Minuten an kleineren Haltestellen und kam daher nur sehr langsam voran. Sechs Stunden für weniger als dreihundert Kilometer und das war nur nach Delhi, wo ich dann vorzeitig ausgestiegen bin. Was für eine Tortur, vergleichbar mit einer Fahrt auf einer Galeere, bei der das Hupen des Busfahrers die Peitschenhiebe des Aufsehers ersetzen. Neben meinem Non-Stop Flug nach Melbourne und dem Eselreiten als Dreijähriger in Bulgarien, bei dem ein dicker Junge mit seinem Steigbügel über eine Stunde an meinem Bein gescheuert hatte, war das bis jetzt mit meine schlimmste Reiseerfahrung.
Delhi wirkte abends wie ein Moloch. Ich fühlte mich wie bei Blade Runner oder wie Neo, der gerade aus der Matrix gekommen ist. Die Straßen war dreckig, heruntergekommen und eingehüllt in einen Staubteppich. Es gab kaum Licht. Alles war wie verschlungen in einem grauen Dunst. Ich kam mir das erste Mal etwas verloren und einsam vor in der großen, düsteren, indischen Welt. Dunkelheit hat schon etwas bedrückendes. Während der Fahrt auf der Autobahn nach Delhi sah man eigentlich nur riesige, beladene LKWs. Der Unterschied zu Deutschland ist nur, dass hier anscheinend jeder einen Führerschein bekommt. Fast alle LKW Fahrer sahen aus, als wären sie unter achtzehn und der Fahrstil war auch dementsprechend. Die wenigsten blieben in der Spur. Das war sicherlich auch ein Grund, warum ich meine Augen während der gesamten Fahrt krampfhaft offenhielt.

Jaipur!

Mittwoch, 22. Juli 2009

Bin gerade wieder zurück aus Jaipur, dem Mekka für Textilien, Teppichen und Edelsteine. Die Zugfahrt dorthin dauerte knapp sechs Stunden. Ich hatte wieder einen bequemen Fensterplatz im previliegierten Air Condition Abteil und es gab vegetarisches Essen mit Tee. Den Service bekommt man allerdings nur in den Schnellzügen, die die Großstädte verbinden. Ich möchte nicht wissen, wie lange die dreihundert Kilometer Fahrt mit einem gewöhnlichem Zug dauern würde. Mein Ticket kostete umgerechnet €8,- und das ist schon die absolute Luxusklasse. In den teuereren Abteilen fahren vorwiegend Geschäftsleute, Touristen und die reichen Kasten. Neben Hupen lieben die Inder eins und das ist Spucken. Aus dem Auto, aus der Rickshah, beim Laufen. Egal wo, jeder spuckt. Aus diesem Grund findet man auch auf allen Bahnhöfen ‘No Spitting’ Verbotsschilder. Wenn ich allerdings bedenke, dass viele in Indien direkt aufs Gleis pinkeln und kacken, finde ich, dass spucken das geringste Problem hier ist. Aber irgendwo muss man wohl anfangen.
Vorbei an Slum ähnlichen Siedlungen und alten Dörfern, die sich ewig hinziehen, bekam ich auf meiner Zugfahrt wieder viel zu sehen. Angefangen von Schafshirten, Traktorfahrern, Bauern, die ihr Land bestellen, bis hin zu Dorfjugendlichen, die Mopedralleys fahren. Viele Eindrücke erinnern mich sehr an meine DDR Kindheit auf dem Land, in der die Welt noch heil war, solange man Mitglied der LPG war und nicht weiter reisen wollte als bis zur nächsten Kreisstadt. Vor allem die Solidarität untereinander, die einfachen Kneipen, die süßliche Limonade und die mit Chreme gefüllten Billigkekse, die es an jedem Kiosk zu kaufen gibt.
Obwohl mit nur zwei Millionen Einwohnern wirkt Jaipur noch vollgestopfter und hektischer als Delhi. Der Verkehr ist viel chaotischer und das Hupen weitaus penetranter. So langsam bekomme ich das Gefühl, dass das Dauerhupen ein Ventil für aufgestaute Aggressionen ist. Alle fahren wie die Wahnsinnigen. So auch Kan, mein Rickshah Fahrer für den Tag. Selbst wenn man in einer Stadt in Indien nicht viel gesehen bekommt, ist allein die Rickshah Fahrt ein Abenteuer. Er war auch gleich bemüht mir alle Tempel Jaipurs zu zeigen. Indische Frauen mit inbegriffen. “Do you want to sex an Indian Girl? We can sex her together.” war eine seiner ersten Fragen. Ich war ganz froh, die Ménage à trois mit meinenm Rickshah Fahrer auf ein anderes Mal verschieben zu können. Wir sind dann als erstes in die ‘Pink City’ gefahren. Das ist der alte Stadtkern, der vorwiegend aus pinken Häusern besteht. Danach ging es direkt in die ‘Mughal City’, den Teil der Stadt, in dem es alle möglichen Textil- und Teppichmanufakturen gibt, die aufgrund ihres guten Rufes in ganz Indien vertrieben werden. Die meisten Arbeiter in den Manufakturen sind Waisenkinder und Witwen, die sich ansonsten nicht allein finanzieren könnten. Wir waren dann auch in zwei Manufakturen. Am spannendsten fand ich die Teppichfabrik mit mehr als eintausenzweihundert Angestellten, die von zu Hause aus arbeiten. Für die, die es interessiert, hier die sieben Schritte bis zur Fertigstellung eines handgewebten Teppichs: 1. Das Design. 2. Das Färben der Wolle/Seide mit Naturfarben. 3. Das Weben. Ein Square Inch (2,54 cm²) kann bis zu 288 Knoten (Wolle) und 1200 Knoten (Seide) haben. Das Weben eines 1,20m x 1,80m Lammwollteppichs dauert ungefähr sechs Monate. Insgesamt gibt es drei mögliche Materialien: Kamelwolle (grob), Lammwolle (fein) und Seide (sehr fein). Die Qualität eines Teppichs besteht daher aus der Anzahl der gewebten Knoten und des Materials. 4. Das Waschen mit Seife und Glätten mit Holzruder. 5. Das Bleichen, um den Teppich zu entkeimen. 6. Das Trocknen. 7. Das Feinschneiden, das bis zu drei Wochen dauern kann. Es ist mit die anspruchvollste Arbeit, da ein einziger zu tiefer Schnitt den Wert des Teppichs mindern kann. Die Teppichfabriken werden vom indischen Staat unterstützt. Das Material ist kostenlos und alle Waren sind steuer- und portofrei. Zudem zahlt der Staat für Essen, Unterkunft und Bildung. Die Subventionierung ist auch dringend notwendig, da die Manufakturen ansonsten nicht überleben würden. Ein 1,20m x 1,80m Teppich kostet umgerechnet dreihundert Euro. Das ist selbst für indische Verhältnisse sehr wenig Geld. Mit anderen Worten eine gute Ebay Nische. Da Einheimische nicht gerade zum festen Kundenstamm gehören, ist natürlich jede Fabrik bemüht, jedem Tourist etwas zu verkaufen. Alle ziehen da am selben Strang. So sind die Stadtrundfahrten in Indien vergleichbar mit Butterfahrten in Bussen, in denen es Rheumadecken zu kaufen gibt. Nur das es hier stattdessen Teefahrten in Moped Rickshahs sind, bei denen es Teppiche zu kaufen gibt. Diesmal war ich allerdings standhaft und konnte beide Händler davon ueberzeugen, dass ich weder indische Bettwäsche, noch einen Wohnzimmerteppich brauchte. Kan, mein sympathischer Fahrer, vierundzwanzig Jahre alt, Analphabet und aus armen Verhältnissen kommend, arbeitet wie viele Inder sieben Tage die Woche und finanziert damit allein sein Familie. Er spart schon seit einigen Jahren auf seine eigene Rickshah, damit er die tägliche Miete von 300,- Rupien sparen kann. Insgesamt braucht er 50.000 Rupien, das entspricht ungefähr €900,-. Wenn ich bedenke, wieviel Geld ich schon in meinem Leben verprasst habe, wird mir ganz flau im Magen.
Unsere Letzte Station an dem Tag war ein Guru und Heiler. Bei ihm angekommen nahm er meine Hand und kannte daraufhin mein Leben. Erkenntnisse für die ich über dreiundreißig Jahre gebraucht habe. Ängste, Erfahrungen, körperliche Schwächen und Begabungen. Meine Familie mitinbegriffen. Es ist schon etwas unheimlich, wenn jemand in deine Seele schaut und dich innerhalb weniger Minuten liest wie ein Buch. Als ich ihn nach meiner Bestimmung in diesem Leben fragte sagte er nur: Creativity and Charity with Children. Und meinte weiterhin: “You need to think less and follow your heart.”. Als ich ihn fragte, ob er auch in Europa Workshops gäbe, erzählte er mir, dass er oft in Kanada sei und in zwei Wochen zum ersten Mal in England, Bristol einen Workshop geben werde.
Während unserer kleinen Stadtrundfahrt sind immer wieder Menschen auf mich zugekommen, um mir die Hand zu geben oder ein Foto mit mir zu machen. Man glaubt es zwar kaum, aber trotz der günstigen Flüge, sind Europäer in Indien immer noch eine Seltenheit. Aus diesem Grund werde ich auch regelmäßig angestarrt, besonders auf Bahnhöfen. Die meisten Touristen kommen aus Frankreich, Spanien, Deutschland, Engand, Amerika und Japan. So auch in dem Hotel, in dem ich war. ‘The Pearl Palace’. Ein sehr gemütliches, gepflegtes Zwei-Sterne Hotel, in dem ein Zimmer mit Bad weniger als zehn Euro pro Nacht kostet. Zudem gibt es ein Restaurant auf dem Dach mit Blick auf die Stadt. Das Essen war sehr lecker. Vor allem das Frühstück, das mit Honig Porridge und frischem Obstsalat eine schöne Abwechslung zu der Chemie Marmelade mit altem Toast im YMCA war. Die Speisen waren so günstig, dass ich immer glaubte, es wäre ein Schreibfehler in der Karte. Fast alles war unter einem ein Euro. Trotzalledem muss ich das erschreckende Fazit ziehen, dass die indische Küche nicht besonders ist. Die Inder haben es einfach nicht drauf. Alles ist zerkocht und getränkt in einer scharfen Currysauce. Mit anderen Worten: Alles schmeckt gleich. Mittlerweile vermisse ich hier wirklich meine Schwarzbrot-Käsebrote und mein Kölln Vollkorn-Früchte Muesli in kalter Milch. Nicht zu vergessen die Vollmilch-Nuss Schokolade von Lidl und die Pink Lady Äpfel von Morissons.
Der Abend im Hotel war entspannt. Ich habe Erin und Gwen, die beiden Amerikanerinnen aus Reno wiedergetroffen, die auf dem Weg sind, ihren Chef bei seiner Familie in Mumbai zu besuchen. Am zweiten Tag bin ich im Hotel geblieben und habe die Dachterasse genossen. Mango Lassi schlürfend und umgeben von lauter junger Französinnen. Am Nachmittag ging es dann gleich wieder zurück ins heiße, heißgeliebte Delhi. Der Bahnhof gab wieder das gleiche Bild von campierenden Familien, auf dem Bahnsteig schlafenden Menschen, Arbeiter mit schweren Ziehkarren und penetrant bettelnder Kinder. Ich bin wirklich froh, dass ich bis jetzt noch keine Kinder mit geblendeten Augen gesehen habe, wie Gwen sie in Agra erlebt hat.
Was ich an den Indern neben ihrer Offenheit auch mag, ist, dass sich niemand für seine Arbeit schämt. Wann immer ich ein Foto machen möchte, bleiben die meisten stehen und posieren mit einem Lächeln. Wie schon gesagt, Indien ist ein sehr demütiges Land, voller Bescheidenheit und hart arbeitender Menschen, die mich immer wieder mit ihrer liebenswerten Art und ihrem Humor aufs neue überraschen. Selbst Kan kam noch einmal zum Bahnhof, um mich sich bei mir zu verabschieden. Allerdings auch, um zu erfahren, wieviel Kommision er für die zwei Edelsteine bekam, die ich beim geschäftstüchtigen Heiler gekauft hatte. Ihr seht, der Kapitalismus findet hier auch so langsam seinen Einzug.
Auf dem Weg zurück nach Delhi saß ich wieder im previligierten, gekühlten Abteil und während der Zug sich schleppend seinen Weg durch die vergammelnden, in Müll versickenden Außenbezirke bahnte, kam auf einmal aus den Lautsprechern melancholische Streichermusik. Ich kam mir vor wie in einer kitschigen Filmsequenz. Und wieder so ein surrealer Moment.

Mekka India!

Sonntag, 19. Juli 2009

Nachdem ich mir spontan abends in Agra die Haare habe kurz schneiden lassen, sehe ich jetzt aus wie Bruce Willis im Film Twelve Monkeys. Das ist auf jeden Fall von Vorteil bei der Hitze und es war eine Erfahrung mit einem stumpfen Messer die Haare geschnitten zu bekommen. Die Massage war da inklusive. Haar- und Bartpflege hat besonders bei den Sikh in Indien eine große Bedeutung. Ihre Haare werden nämlich nie geschnitten. Dafür tragen die Sikh den Turban. Der Bart wird je länger er wächst, mehr und mehr zusammengezwirbelt. Damit die Barthaare eng anliegen, binden sie sich über Nacht ein Tuch um den Kopf, das oberhalb zusammengebunden wird. Das sieht etwa so aus wie jemand der Zahnschmerzen hat. Meinen ‘Toothache’ Witz kann Sim mittlerweile auch nicht mehr hören.
Mir gefällt das Land immer besser und so langsam lebe ich mich ein. Mein Jetlag ist nun auch endlich verarbeitet, so dass ich die letzte Nacht zum ersten Mal richtig durchschlafen konnte. Obwohl ich erst in gut einer Woche abreisen werde, weiss ich, dass drei Wochen, um ein Land wie Indien zu erkunden, definitiv zu kurz sind. Mit 1,2 Milliarden Einwohnern ist Indien nach China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Das ist sicherlich auch ein Grund für das soziale Miteinander. Der Analpabetismus liegt immernoch bei über fünfunddreißig Prozent und die Zwangsehen gerade in ländlichen Gebieten sind weiterhin ein fester Bestandteil der indischen Gesellschaft. Über fünfzig Prozent aller Frauen werden vor ihrem achtzehnten Lebensjahr ‘verheiratet’. Ich habe mich schon immer gefragt, weshalb einige Inder hellere Haut haben als andere. Das liegt daran, dass viele aus Ehen kommen, in denen ein Teil der Eltern aus Pakistan kommt. Was auch nicht verwunderlich ist, da der Staat Pakistan zusammen mit China, Nepal und Myanmar zu den Grenzländern Indiens gehört und erst 1947 aus den mehrheitlich muslimischen Teilen Britisch-Indiens entstand.
Gestern Abend bin ich von Sim’s Eltern zum Essen eingeladen worden. Wir waren im Taj, einem Fünf-Sterne Hotel und eines der angesehensten Delhis. Dort habe ich zum ersten Mal deutsche Autos gesehen. Ich dachte schon, die seien hier verboten. Ansonsten sieht man nämlich nur japanische Kleinwagen und die indische Automarke Tata in der Stadt. Also da war ich nun in einem Marmorpalast voller gestriegelter Angestellter. Diesmal, nicht das Taj Mahal, dafür aber das Taj. Das Essen war super lecker und ich konnte zwischen italienischem, griechischem und indischen Essen wählen. Mein Magen hat es mir auf jeden Fall gedankt. Wir wurden die gesamte Zeit über hofiert. Sicherlich weil Sim’s Vater dort oft mit dem indischen Premierminister diniert. Während wir genüßlich aßen, sang im Hintergrund eine indische Sängerin zum Karaoke Playback Abba und Roxette Songs. Wieder so ein surrealer Moment. Ich habe den Abend sehr genossen und muss sagen, dass die ganze Familie wirklich knuffig ist. Der Vater hat erzählt, dass er vor seinem Aufenthalt in England drei Jahre in Usbekistan und danach drei Jahre in Israel gelebt hat und insgesamt schon in zweiundzwanzig Ländern war. Im August gehen Sim’s Eltern nach Dubai, wo ich sie wahrscheinlich auch besuchen werde.
Heute war ein entspannter Tag. Bei vierzig Grad Hitze bin ich zugegebenermaßen auch nicht wirklich produktiv. Mein Highlight war ein Besuch bei McDonalds in der City, das das absolute Mekka für alle Vegetarier ist. Zum einen gibt es hier im Vergleich zu Deutschland eine vegetarische Karte und zum anderen zahlt man nur ein Bruchteil des Preises. Ein Veggie Burger für nur fünfundvierzig Rupien, das ist circa ein Euro. Ich glaube, ich habe mich in meinem Leben noch nie so sehr über Junk Food gefreut und habe mir dazu gleich noch eine große Portion Pommes reingeballert. Die kleinen Highlights halt im Schwarzbrot und Müsli freien Land, in dem es Milch nur erhitzt und pasteurisiert gibt und alles andere so geschärft ist, dass der Magen rebelliert. In vieler Hinsicht ist Indien immernoch weit vom westlichen Standard entfernt. Was es hier aber schon an vielen Orten gibt, sind Chillerjobs par excellence. Allein im YMCA reißen sich die meisten nicht gerade ihren Arm aus. Ob nun die Security oder der Junge im Tourist Office, der am Tag vielleicht vier Kunden hat. Die restliche Zeit surft er im Internet oder spielt am Computer Solitaire. Den absoluten Chillvogel hat allerdings der Mann in der Wechselstube abgeschossen. Dort habe ich bis jetzt noch nie irgendjemanden gesehen.
Morgen früh geht es nach Jaipur, der Haupstadt von Rajasthan. Einer der achtundzwanzig Staaten in Indien. Ich freue mich schon auf die Zugfahrt. Ich mag die Züge in Indien. Sie fahren zwar nicht so schnell, haben dafür aber nicht die ätzende Neigetechnik wie der ICE in Deutschland, die einen regelmäßig zum Kotzen bringt. Am modernsten ist in Delhi allerdings die Metro. Erinnert mich ein wenig Singapur. Super sauber und super modern. An jedem Eingang gibt es Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Mit Metalldetektoren, Abtasten und Gepäck Scanner. Wieder so ein surrealer Moment.

Taj Mahal!

Donnerstag, 16. Juli 2009

Gestern war ich in Agra, dem Ort, an dem das berühmte Grabmal Taj Mahal (zu deutsch: großer Palast) steht. Erbaut Anfang des siebzenten  Jahrhunderts vom damaligen Kaiser, um dem unerwarteten Tod seiner Ehefrau bei der Geburt ihres vierzehnten Kindes zu Gedenken. Der Bau dauerte über zwanzig Jahre und es waren mehr als zwanzigtausend Menschen beteiligt. Es erinnert ein wenig an den Pyramidenbau der Ägypter. Dem Architekten wurden danach als Dankeschön beide Haende abgehackt und damit er nirgendwo in der Welt ein vergleichbares Bauwerk erschaffen konnte. Das Taj Mahal besteht aus weißem Marmor und ist versetzt mit Edelsteinen aus aller Welt. Durch die verschiedenen Farben der größtenteils lichtdurchläßigen Edelsteine, besonders Feuerstein, leuchtet der weiße Marmorpalast bei Vollmond, bei Sonnenauf- und untergang in jeweils drei verschiedenen Farben. Es lohnt sich also mehr als einmal, dort hinzureisen. Ich fand das Bauwerk schon durch seine schlichte Eleganz sehr überwältigend. Die Kunst den Marmor mit Edelsteinen zu versetzen ist eine persische Kunstform und wird seit Jahrhunderten nur innerhalb von Familien weitergegeben. Weltweit gibt es die Kunst nur noch in Agra und wird von circa vierhundert Familien betrieben. Aus diesem Grund werden alle Manufakturen vom Staat unterstützt sowie auch die Teppichwebereien. Man bekommt hauptsächlich Teetische in jeglicher Form zu kaufen. Es gibt natürlich auch kleinere Accessoires wie Schmuckschatullen oder Untersetzer. Alles wir handgefertigt. Um nur einmal einen Eindruck zu bekommen wie lange die Fertigung eines 60×60 cm Teetisches dauert: zwei Personen brauchen fünf Monate bei zwölf Stunden Arbeit pro Tag und einer Sechs-Tage-Woche. Das Handwerk hat mich sehr beeindruckt. Gerade weil man etwas schafft, das Bestand hat und einen über viele Jahrhunderte überdauern wird. Dazu kommt, dass Marmor ein an sich geniales Material ist. Edel, schlicht, lichtdurchläßig (d.h. man kann es abends auch als Lampe benutzen), kratzfest und Hitze- und Wärme beständig.
Der Reise nach Agra war spannend. Vier Stunden Zugfahrt bei zweihundert Kilometern ist nicht gerade die schnellste Art zu reisen, aber dafür konnte ich viel vom Land sehen. Die Bahnhoefe sind so heruntergekommen wie die Häuser in Indien. Überall campieren ganze Familien, es gibt Trink- und Essensstände umgeben von einem süßlichen Uringgeruch. Einige Leute wandern an den Gleisen entlang, um eine Abkürzung zu nehmen, andere springen aus den fahrenden Zuegen, um Zeit zu sparen und andere wiederum kacken genüsslich aufs Gleis. Es ist halt alles etwas unbeschwerter und entspannter als in Deutschland. Dafür aber auch chaotischer und unhygienischer. Auf dem Weg hin zum Bahnhof bin ich wieder vorbei an bettelnden Menschenmassen und Rickshahfahrern, die penetrant ihre Dienste anbieten und habe nun zum ersten Mal behinderte Menschen gesehen, die nicht in Rollstühlen fahren, sondern auf ihren Knien kriechen, weil ihre Füße verkrüppelt sind oder nur mit einer Krücke humpeln, weil ihnen ein Fuss fehlt. Und dort sitzt dann keine Prothese, sondern nur ein vergilbter, versiffter Verband, der so aussieht, als ob er vor zwei Wochen provisorisch in der Notaufnahme angelegt und seitdem auch nicht mehr gewechselt wurde. Trotzalledem tragen hier alle ihr Schicksal mit Würde und niemand beschwert sich. Selbst die blinden Bettler haben immer ein Lächeln auf ihren Lippen.
Agra selbst ist eine alte, gewachsene Stadt. In seiner Architektur noch viel einfacher und archaischer als Delhi. Man sieht überall alte Baracken und ruinenhafte Häuser, die eingebettet sind in endlosen Müllbergen. Kühe, Ziegen und Schweine sind in der ganzen Stadt verstreut. Ob nun auf Plätzen, in kleinen Seitengassen oder direkt vor Haustüren. Das Miteinander Leben bezieht sich hier also auch auf die Tiere. Zum Teil erinnert mich die Bauart der Gebäude ein wenig an Mexiko. Im Ortskern findet man das Leben in seiner Urform. So wie man es auch noch oft im südlichen Teil von Europa sieht. Händler tauschen ihre Ware, Schmiede beschlagen Pferde, Frauen verkaufen gewebte Kleider und Kinder spielen Gameboy. Natuerlich gibt es weiterhin die surrealen Momente, besonders wenn auf einmal neben dem alten Imbissstand ein ‘Terminator Salvation’ Plakat hängt. Das hätte sich Christian Bale wohl auch nicht träumen lassen. In einer indischen Kleinstadt verewigt zu werden, wenn auch nur temporär. Läden- oder Reklameschilder gibt es kaum. Stattdessen wird alles direkt an die Wände gemalt. Angefangen von ‘Pepsi’ Werbung bis hin zu Hotelnamen. Indien ist durch seine skurillen Momente und seine Farben super fotogen. Es muss für alle Fotografen das gelobte Land sein. Ähnlich wie Afrika und Asien. Ich kann mich gar nicht richtig satt sehen und würde am liebsten jeden Minute ein Foto machen.
Die aufdringlichen Straßenhändler bleiben natürlich auch in Agra nicht aus. An jeder Ecke wird man angequatscht. Selbst die Leute, die einen nur freundlich begrüßen wollen, weil sie sicherlich selten großgewachsen Europäer in ihrem Viertel sehen, ziehen einem dennoch immer Energie ab, auch wenn sie nur kurz ‘Hallo’ sagen und wenn sie Englisch sprechen, nuscheln so, dass man kaum ein Wort versteht. Zudem kommt noch die ständige Hitze von vierzig Grad. Ich war also gestern Abend super groggy und ausgelaugt vom Tag. Um etwas zu entspannen, habe ich indisches Fernsehen geguckt. Es wirkt wie eine Parodie auf das TV Programm in der westlichen Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob es an der Sprache oder an der dilettantischen Machart liegt. Oder an beidem. Zweiundachzig Kanäle und nur Müll. Es ist, als ob man einundvierzigmal FAB und den offenen Kanal zur Auswahl hat. Außerdem sind die Filme, die nicht aus Bollywood kommen so asynchron synchronisiert, dass jedes Drama automatisch zur krassen Komödie wird.
Was schade ist, dass ich mittlerweile immer misstrauischer werde, wenn mich jemand auf mich zukommt und fragt, ob er mir helfen kann. Denn zu oft sind selbst die Rickshafahrer nur daran interessiert, mir irgendetwas aufzuschwatzen oder mich irgendwo hinzubringen, wo sie voraussichtlich Prozente bekommen. Als ich heute nur zehn Minuten vom Bahnhof zurück zum Hotel gelaufen bin, haben mich allein drei verschiedene Leute auf der Straße angesprochen und dreist ausgefragt. Es ist als ob ich ein Schild auf dem Rücken trage, das sagt: ‘Annoy Me!’.

Surreal India!

Dienstag, 14. Juli 2009

So eine Hitze wie hier, habe ich noch nie erlebt in meinem Leben. Vierzig Grad im Schatten und schwül. Zwischen zwölf und siebzehn Uhr braucht man eigentlich nicht das Haus zu verlassen. Es ist dermassen heiß, dass mir, nachdem ich gestern aus dem klimatisiertem Auto gestiegen war, schon nach zwanzig Minuten schwindelig geworden ist. Bis jetzt bin ich auch noch nie vor zwei Uhr nachts ins Bett gekommen und wenn ich schlafe, dann nicht besonders fest. So befinde ich mich die meiste Zeit in einem somnambulen Zustand. Ich weiß noch nicht, ob es die ständige Hitze oder der penetrante Lärm des Deckenventilators und der Klimaanlage ist, die mich keinen Schlaf bekommen lassen. So oder so, alt werde ich in Indien nicht werden. Das heiß-feuchte Klima mochte ich schon in Hong Kong und Singapur nicht. Ich habe ständig das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, da es nur vom Backofen in den Kühlschrank geht und zurück, aber nchts dazwischen. Zudem hat mich nun auch die Diarrhoe erreicht. Ich dachte schon, ich würde als medizinisches Wunder zurückkehren. Mittlerweile wird der Urlaub nun doch langsam zum Abenteuer Trip, dazu muss ich nicht einmal mein Hotel verlassen. Seit meiner Ankunft werden hier sämtliche Bäder renoviert, mit andeen Worten von früh Uhr morgens bis zum späten Abend schlägt immer jemand mit einem stumpfen Meißel Löcher in Keramikwände. Dazu wird regelmäßig das Wasser abgestellt. Die anderen Hotelgäste schein da genügsamer zu sein. Von mir haben sie inzwischen allerdings schon ein Foto an der Rezeption. Der einzig ruhige und wirklich gekühlte Ort ist das Internetcafe, ohne das ich hier wohl nicht überleben würde.
Die letzten Tage haben Sim und ich vorwiegend Moscheen, Tempel und Grabmäler verstorbener Könige besucht. Also eine gewisse Religiösität kann man den Indern zumindest nicht absprechen. Selbst das Hotel, in dem ich wohne, gehört zum YMCA Verbund. YMCA steht fuer Young Men’s Christian Association. Das ganze Hotel ist daher auch voller Jesus Schreine und es gibt sogar einen Buchladen, der nur auf christliche Literatur spezialisiert ist. Angefangen von Kinderbüchern bis hin zu ‘Jesus Loves You’ Aufklebern. Dem Kitsch sind da keine Grenzen gesetzt.
Heute war ich zum ersten Mal allein unterwegs in der Stadt und war gleich wieder erschlagen von der Armut dieses Landes. Die Menschen werden mir hingegen immer sympathischer. Die Inder sind sehr vom Herzen kommende, hilfsbereite und gütige Menschen und wirken durch ihre offene, freundliche Art oft noch wie Kinder. Anstrengend sind nur die gierigen Ricksha Fahrer und aufdringlichen Straßenhändler, die einen permanent zutexten und auch nicht von der Seite weichen. Inzwischen kenne ich schon einige der Maschen. “Sir, I’m not begging, I’m a student. Do you want me to show you the shopping center? Just give me five rupies. Why are you angry with me?” Also das Beste ist: Ignorieren und nie antworten und wenn dann nur mit einer Gegenfrage. Das ständige Abwehren der Verkäufer ist für mich als gutmütigen Hasen jedoch gar nicht so einfach, aber da muss ich wohl noch lernen, ein bisschen bestimmter werden.
Gestern war ich zum ersten Mal im Hotelgym. Es gibt wohl nichts angenehmeres als im Sommer bei vierzig Grad alte, schwere Hanteln zu stemmen. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, was anstrengender war, die Arnold Hanteln aus den sechziger Jahren oder die indische Popmusik im Hintergrund zu ertragen. Trotz Entwicklungslandstatus lieben die Inder eines und das ist die Bürokratie. Für jede Sache bekomme ich eine Quittung ausgestellt, für die Internetnutzung, für meinen Zimmerwechsel, für jedes Frühstück und jedes Abendessen. Vielleicht sehen sie das als ersten Schritt zur Industrienation. Was auch auffällig ist, dass man in Indien kaum Frauen auf der Straße sieht, es sind fast nur Männer. Vielleicht ist es ein Teil des Hinduismus oder einfach nur die Folge von all den Ultraschalluntersuchungen, die gemacht werden, um den hohen Mitgiftszahlungen der Familie von Seiten der Ehefrau aus dem Weg zu gehen. Die Sicherheitsmaßnahmen sind zum größten Teil noch sehr archaisch. Bei den meisten Tempeln sind am Eingang Schießtände mit aufgestapelten Sandsäcken und Soldaten mit Maschinengewehren positioniert. Und selbst vor einigen Banken steht das Sicherheitspersonal mit einem Gewehr am Anschlag.
Jetzt wo ich hier jeden Tag von Indern umgeben bin, sehe ich auch Sim mit völlig neuen Augen. Er sieht zwar aus wie ein Sikh, hat mit dem Land aber nicht viel gemeinsam. Viele der Sehenswürdigkeiten seines Landes hat er selbst noch nie gesehen. Er ist eher ein europäisierter Inder aus previligiertem Haus, der gerade Urlaub bei seinen Verwandten in Neu Delhi macht.
Wie schon erwähnt ist das Land wirklich sehr arm. Man kann es mit Afrika vergleichen. Menschen schlafen auf der Straße, einige grillen Maiskolben auf dem Boden, andere verkaufen Wasser aus großen Behältern, andere bieten gekühlte Mangoscheiben an. Jeder hat seine kleine Nische. Supermärkte wie wir sie kennen, gibt es in Delhi nicht. Maximal kleine Lebensmittelläden und selbst diese sind rar. Gestern waren Sim und ich mit Gwen und Erin, zwei amerikanischen Studentinnen unterwegs, die auch im YMCA wohnen. Nach einem langen Tag in der Hitze, vorbei an hunderten von Ruinen, erschien uns plötzlich wie aus dem Nichts eine Costa Franchise Coffee Bar im westlichen Standard. Die wirkte so surreal wie ein indischer Lebensmittelladen am Tauentzien. Wie eine Filmkulisse in einer ausgebombten Stadt. Für zehn Minuten fühlten wir uns wieder wie zu Hause. Der Kontrast der westlichen Welt zur indischen wirkt immer sehr krass. Ob nun Benetton und Reebok Läden in der City oder der neue Transformers Film, der hier inmitten lauter Bollywood Streifen auf Hindi läuft. Kino hat in Indien sowieso einen sehr großen Stellenwert. Die stundenlangen Bollywood Filme mit Tanz- und Gesangseinlagen sind sicherlich jedem bekannt. Ich habe diesen Kult nie ganz verstanden. Jetzt wird mir aber langsam klar, dass diese Filme für viele hier der einzige Weg sind, ihrem tristen, grauen Alltag zu entfliehen. Die meisten Inder arbeiten zehn bis zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und sind froh wenigstens abends für eine kurze Zeit in eine perfekte Welt zu flüchten. Je länger, desto besser. Kino kostet auch kaum etwas. Tickets bekommt man schon ab fünfzig Rupien, also ungefähr ein Euro. Ein weiterer Eindruck ist, dass Delhi riesig und extrem unüberschaubar ist. Da es keine wirklichen Straßenschilder und kaum Ampeln gibt, fühlt man sich hier als Europäer auf den ausuferenden, großen Straßen leicht verloren. Zum Teil wirkt Delhi wie ein Dschungel, aber nicht wie eine Hauptstadt. Besonders wenn wieder Affenfamilien und Rudel von sträunenden Hunden die Hauptverkehrstraße überqueren. Gestern ist sogar ein Mann mit einem Elefanten über die Autobahn gelaufen. Wie schon gesagt, viele alltägliche Szenen wirken hier sehr surreal.

Humble India!

Sonntag, 12. Juli 2009

Heute ist mein zweiter Tag in Neu Delhi. Der Flug war ganz schön anstrengend. Irgendwie dachte ich bei interkontinentalen Flügen würden größere Maschinen eingesetzt. Neun geschlagene Stunden in einem EasyJet ähnlichen Flugzeug zu sitzen, bringt einen doch ganz schön an die Grenzen und das ohne die französischen Model Stewardessen. So viel zu Air France. Also das nächste Mal werde ich ernsthaft überlegen Business Class zu fliegen. Delhi hat mich auch gleich herzlich empfangen mit seiner abendlichen Hektik und seinen vierundvierzig Grad im Schatten. Der komplette Weg vom Flughafen in die Stadt ist eine gigantische Baustelle, da hier zur Zeit für die Commonwealth Games im nächsten Jahr, sowohl der Flughafen, als auch die Metro ausgebaut werden. Ich kam mir vor wie bei Mad Max oder Terminator Salvation. Eingequetscht in einem kleinen alten Suzuki Auto und vor mir am Steuer dicke, knuffige Schlümpfe, die sich huppend, vorbei an Affen und Straßenhunden, durch den chaotischen, nächtlichen Verkehr schlängelten. Für mich als Kino konditioniertes Kind erinnerte mich diese Szene auch gleich an die typische James Bond im Ausland ‘Fahrt vom Flughafen in die Stadt’ Sequenz.
Mein Zimmer ist sauber und halbwegs gemütlich, aber vom westlichen Standard noch weit entfernt. Obwohl ich mich nicht beschweren kann, immerhin habe ich Air Kondition und mein eigenes Bad. Diese ist allerdings so laut, dass ich nur den Deckenventilator benutze, ansonsten würde ich trotz Ear Plugs nie Schlaf finden. Zudem hat das YMCA einen Swimming Pool, ein Fitness Studio, ein Internet Cafe und Vollpension inklusive. Also habe ich noch genug Raum, um weiter meine Muster zu leben und Süchte zu nähren.
Gestern haben Sim und ich unsere erste Sightseeing Tour gemacht und ich wurde gleich eingeführt in die indische Welt. Vorbei an Slums, durch Straßen, wo bettelnde Kinder, an die Autofenster klopfen, überall Menschen, die auf der Straße schlafen. Die Armut hier ist allgegenwärtig. Wirkliche Armut, wo die Menschen nicht wissen, was sie am nächsten Tag essen sollen. Selbst wenn man in gestandene Geschäfte in der Innenstadt geht, sind die Verkäufer oft sehr einfach gekleidet, von den vergammelten Zuständen der Häuser einmal ganz abgesehen. Ich glaube, in Indien wurde seit der erklärten Unabhängikeit 1947 nichts mehr renoviert. Vieles ist heruntergewirtschaftet und vegetiert vor sich hin. Trotzdem wirken die Menschen sehr bescheiden und entspannt. Die Stadt ist hektisch, aber nicht aggressiv. Das ist wohl der Hauptunterschied zur westlichen Welt. Alle haben Respekt voreinander und leben miteinander und nicht gegeneinander.
Delhi ist mit knapp neun Milionen Einwohnern nach Mumbai (Bombai) die zweitgrößte Stadt in Indien und zudem Regierungssitz. Die Hauptreligion ist der Hinduismus, gefolgt vom Islam und Sikhismus. Der Verkehr ist ein völliges Chaos. Alle fahren dauerhuppend, wann und wo sie wollen. Außerdem fallen oft die Ampeln aus, da es aufgrund des Wassermangels im Sommer oft zu ‘Powercuts’ kommt, also Stromausfällen. Auf den Straßen sieht man überall Ricksha Fahrer oder Händler, die einem irgendwelchen Krempel verkaufen wollen. Angefangen von Plastikschmuck, Postkarten, Wasserpfeifen bis hin zu rosa Zuckerwatte. Das ist auch das Anstrengende, ständig die nervenden Händler abzuwehren. Ich komme mir hier auf jeden Fall oft vor wie ein verwöhntes, dickes Einzelkind und weiß von Tag zu Tag mehr zu schätzen, wie gut es mir eigentlich geht.
Ich bin mir sicher der Urlaub wird eine gute Erfahrung werden und ich werde sicherlich lernen, meine überzogenen Träume etwas mehr dem wahren Leben anzugleichen. Vielleicht sollte man in Deutschland Zwangsurlaube in Indien einführen. Immer wenn sich Leute beschweren, dass bei Aldi noch eine weitere Kasse aufgemacht werden soll.
Nur um noch einmal ein Bild von den Lebensverhältnissen in Indien zu schaffen. Sim’s Vater ist Botschafter und arbeitet im renommierten Regierungsviertel. Trotzdem lebt die Familie in einfachen Verhältnissen und sein Dienstwagen ist ein gebrauchter, japanischer Kleinwagen. Gleich holt mich Sim wieder ab und wir werden weiter die Stadt erkunden. Ich denke, ich werde erst einmal in Neu Delhi bleiben und von hier aus kurze Tagestrips machen. So wage ich mich langsam und vorsichtig in die neue Welt.