Closing Doors

Die WM in Brasilien ist da und mir wird klar, dass schon wieder vier Jahre an mir vorbeigezogen sind. Jobtechnisch hat sich inzwischen nicht viel getan. Neben meiner Dauerpromotion für Samsung Digitalkameras habe ich weiterhin sporadische Jobs als Merchandiser. Dennoch bin ich immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, um meine kommenden musikalischen Projekte zu realisieren. So bekam ich vor einem Monat einen Anruf von der Kabel Deutschland Zentrale aus München mit der Anfrage, ob ich nicht Interesse an einem Job als Medienberater habe würde. Kurzerhand hatte ich darauf ein Treffen mit dem Vertriebsleiter in der Hauptzentrale in Berlin-Tempelhof. Das Gespräch verlief ganz gut, indem er mir von den Expansionabsichten von Kabel Deutschland erzählte, nur die genaue Jobbeschreibung und Bezahlung hielt er hinter dem Berg. Sein Grundtenor war, dass es bei dem Job um eine Bestandskundenbetreuung mit terminierten Besuchen geht, bei denen man den Kunden über die Möglichkeit informiert, nicht nur Fernsehen und Radio, sondern auch einen Internetanschluss über seine Kabeldose zu empfangen. Die Vergütung dieser Neuverträge läge im Schnitt bei einhundert Euro und liefe auf reiner Provisionsbasis. Reizvoller als die Bezahlung war für mich die Option der freien Zeiteinteilung und die Aussicht einen längerfristigen Job zu bekommen. Aus dem Grund war ich auch offen für ein weiteres Treffen mit einem der Medienberater vor Ort. Das Treffen verlief ähnlich entspannt, nur dass die Jobbeschreibung aus terminierten Beratungsgeprächen zur unangemeldeter Kaltaquise wurde, da meine Arbeit daraus bestehen würde, Häuserblöcke von Kabel Deutschland Kunden abzuklingeln und unter dem Vorwand, die Datenverbindung prüfen zu wollen, mich in die fremde Wohnung zu drängen, um dann wenn möglich sofort vor Ort einen Neuvertrag abzuschließen. Die Bezahlung wäre zudem nur achtzig Prozent der Provision, da zwanzig Prozent der Medienberater bekäme, für den ich in dem Fall als freiberuflicher Subunternehmer tätig sein würde.
Wenigstens war er ehrlich, als er meinte, dass es auch Tage gibt, an denen man zu keinem Abschluss kommt, aber acht bis zehn Stunden Wohnhäuser abklappern muss. Eine Ehrlichkeit, die ich mir vom Vertriebsleiter gewünscht hätte, als er mir den Job schmackhaft gemacht hatte. Stattdessen wurde ich fast schon dazu gedrängt, in der kommende Woche an einer unbezahlten, dreitägigen Schulung teilzunehmen.
Für ein Unternehmen tätig zu sein, dass seine Mitarbeiter genauso unter Druck setzt und mit Halbaussagen motiviert wie seine Kunden, ist sicherlich nicht das, was ich mir als Weiterführung meiner Promotionlaufbahn vorgestellt habe. Da bleibe ich dann lieber bei der Beratung von Kunden, die aus freien Stücken in den Markt kommen, um etwas zu kaufen.
Eine ähnliche Erfahrung hatte ich, als ich vor zwei Wochen auf eine Aktionsausschreibung geantwortet habe, bei der man für vier Stunden am Tag bei einer Vergütung von sechzig Euro pro Stunde Bier verkosten soll. Ich sah mich daraufhin schon bei Sonnenschein zur anstehenden WM für einen halben Tagessatz von zweihundertvierzig bei Public Viewings Bier verschenken. Das Ganze relativierte sich dann allerdings schnell, als mir die Ansprechpartnerin der Agentur erklärte, dass es sich bei den sechzig Euro um einen Tagessatz handelt und die Verkostung in Getränke Hoffmann Filialen stattfinden wird. Die logistische Versorgung der zu bewerbenden Getränke war zudem auch noch nicht geklärt, so dass ich damit rechnen müsste neben meiner Hin- und Rückfahrt zum Aktionsort auch zusätzliche Zeit zum Abholen der Getränke einzuplanen. Die Aktion habe ich daraufhin auch abgesagt.
Gerade im zunehmenden Alter merke ich, dass ich nicht mehr nur irgendeinen Job mache, um mich zu finanzieren. Dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade, außerdem will ich mich auch nicht mehr unter meinem Wert verkaufen. Mit Mitte zwanzig sind solche drögen Jobs vollkommen okay, aber mit Ende dreißig mache ich stattdessen lieber etwas, was mir Spaß macht. Denn man sollte im Leben auch lernen, gewisse Türen zu schließen, damit sich neue auftun können.