Among Peers

Der Sommer ist da. Anlass genug, um ‘mal wieder meine vier engen Wände zu verlassen und mich dem Leben zu stellen. Gestern war ich daraufhin mit einem Freund im Mauerpark und war erneut von dem künstlerischen Aufgebot fasziniert, das dort jeden Sonntag vertreten ist. Alle paar Meter steht ein Musiker oder Künstler, der sein Programm zum Besten gibt. Wenn man dort langläuft, wirkt es fast, als ob man in wenigen Minuten von einem Film in den nächsten kommt. Oder von einem Musikvideo ins nächste. Dazu gibt es noch die Leute, die einfach nur auf der Wiese sitzen und ihre Umgebung beobachten oder irgendwelche neu erfundenen Spiele spielen. Mittelpunkt des Mauerparks ist allerdings immer noch der einem Amphitheater aus der griechischen Antike ähnelnde Platz, an dem sich Berliner sowie Touristen beim Freiluftkaraoke in ihren Gesangskünsten üben. Wenn man von den gestylten Sonnenbrillen und den Smartphones ‘mal absieht, die mittlerweile mehr als Kamera fungieren, hat man schnell das Gefühl, dass sich in den letzten Jahrhunderten nicht viel verändert hat. Der Mensch sucht seines Gleichen und ist eigentlich schon mit einfachen Dingen zufrieden zu stellen, um sich kurzzeitig vom Stress des Alltags abzulenken. Die Stimmung an dem Tag war entspannt und ausgelassen und mir wurde wieder klar, dass dies einer der Orte ist, der Berlin so einzigartig macht. Gerade weil er für Lebensfreude und Toleranz steht und einen schönen Gegenpol zu den oft vom Wettbewerb und Profitdenken dominierten Großstädten darstellt.
Mein Alltag ist ansonsten weiterhin geprägt von sporadischen Merchandisejobs und meiner Dauerpromotion für Samsung Digitalkameras. Gerade in den sommerlichen Monaten, in denen bis auf die Urlaubskunden, nicht wirklich viel los ist, halten mich die illustren Geschichten meiner Kollegen bei Laune. Da ist zu einem der aus dem Hotelfach kommende Betriebswirt, der seinen Job im Controling verlassen hat, um seine traumatisierte Kindheit aufzuarbeiten und mir immer wieder von neuen Psychologiebüchern berichtet, die er gerade liest. Natürlich haben wir auch andere Themen über die wir reden, so erzählte er mir vor kurzem erst, dass die vom Markt in den Verkaufspreis hineingerechneten Zusatzgarantien, den Tatbstand des Betrugs erfüllen, da dem Kunden suggeriert wird, er bekäme eine Zusatzleistung umsonst, obwohl er eigentlich gezwungen wird für diese extra Geld auszugeben und somit einen überhöhten Preis für seine Ware zahlt. Unabhängig davon, dass ihm diese bestimmte Ware nicht von den Verkäufern angeboten wird, weil sie seinem Bedürfnis entsprechen, sondern weil die Angestellten von der Geschäftsleitung Druck bekommen, ihre vorgesetzten Zahlen der monatlich abzuschließenden Versicherungen zu erfüllen.
Ähnlich wie er haben viele meiner Kollegen ein abgeschlossenes Studium und Berufserfahrung, haben sich aber an einem Punkt in ihrem Leben entschieden, dieser auf Konkurrenz und Erfolgsdruck basierten Berufswelt den Rücken zu kehren, um stattdessen ihren Lebensunterhalt selbstbestimmter und vor allem entspannter zu verdienen. So gesehen teilen eigentlich alle ein reflektiertes Bewusstsein, was die Machtstrukturen dieser Welt angeht, was wiederum die Gespräche nie langweilig werden lässt. Natürlich habe ich auch Kollegen, die das andere Extrem leben und mir ständig von neuen Verschwörungstheorien der großen Gelddynastien berichten, die sie wieder in irgendwelchen Onlineblogs gelesen haben.
Ein anderer meiner Kollegen hat eine Laufbahn beim russischen Militär hinter sich und arbeitet jetzt seit einigen Jahren als Militärberater beim Film. Er assestierte u.a. auch bei Nico Hofmann’s Fernsehmehrteiler Unsere Mütter, Unsere Väter und macht die historische Beratung zu Baltasar Kormakur’s geplanten Kinofilm Reykjavik mit Michael Douglas und Christoph Waltz in den Hauptrollen. Er steht zudem aber auch regelmäßig als Komparse und Kleindarsteller vor der Kamera. Als Filmbegeisterter lausche ich dann immer gespannt, wenn er von seinen Filmrollen insbesondere in Hollwoodfilmen wie Anonymous oder Hensel & Gretel – Witchhunters erzählt. Erstaunlicherweise wird bei solchen Produktionen auch nicht mehr gezahlt als bei TV-Formaten wie Berlin Tag & Nacht, so dass er als französischer Kellner in George Clooney’s The Monuments Men nur hundert Euro bekommen, der Drehtag insgesamt aber eine Million Dollar gekostet hat. Die Honorare werden also auch hier gedrückt, weil wie immer die Gewinnmaximierung im Fokus steht und nicht der Mensch und seine geleistete Arbeit. Kein Wunder also, dass immer mehr Hollywodproduktionen komplett in Babelsberg gedreht werden. Meinen Promotionkollegen ergeht es ähnlich. Viele arbeiten nur noch für ein niedriges Fixum oder die Provisionen werden dermaßen gekürzt, dass man nicht über einhundertdreißig Euro am Tag hinauskommt. Da bin ich mit Samsung als Arbeitsgeber auf jeden Fall besser bedient, da das Unternehmen neben der Mobilfunk- und Fernsehbranche seinen Hauptumsatz mit Versicherungen und in der Rüstungsindustrie macht und dadurch besser zahlt.