Dumbing Down

Letzte Woche war ich mit zwei Freunden auf einer von einer meiner Agenturen jährlichen Schulung. Da meine Tage in der letzten Zeit eher von Langeweile als von Spannung geprägt waren, hatte ich mich im vorab sehr gefreut, ‚mal wieder aus meinen vier Wänden herauszukommen und drei Tage in Frankfurt zu verbringen. Die Hinfahrt war auch sehr lustig, da wir alle drei als Musikschaffende, uns natürlich gut über unsere Erfahrungen austauschen konnten. Was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste, dass die Hin- und Rückfahrt die absoluten Highlights der gesamten Schulung bleiben würden.
Wir kamen relativ zeitig an und sind dann kurz darauf, um uns nach der langen Autofahrt noch ein wenig die Beine zu vertreten, im in der Nähe vom Hotel gelegenen Irish Pub gelandet. Es war Montag und so gab es traditionell auch dort das wöchentliche Pub Quiz, das natürlich viele junge Leute anzog. Wir waren also nach ein paar Stunden umgeben von Abiturienten, Erstsemestlern und Jugendlichen aus dem europäischen Ausland, die den Abend offensichtlich als Ort des Sehens und Gesehenwerdens nutzten. In der ersten Runde, bei der es um Allgemeinwissen ging, krepelten wir ganz schön ab. Das sollte unserer guten Laune aber keinen Abbruch tun, da wir uns schon auf die kommenden Fragen zum Thema Musik freuten, bei der man Songs und Interpreten aus dem Pop und Rock erraten musste. Als begeisterte Musikfans waren uns auf jeden Fall sicher, die nächste Runde mit Bravur zu meistern, gerade weil wir aus verschieden Musikrichtungen kommen. Der eine Stefan aus der deutschen Liedermacherecke mit Vorbildern wie Reinhard May und Daniel Wirtz, der andere Stefan eher Fan von 80er Dark Wave Bands wie Depeche Mode und The Cure und ich mit meinem durch amerikanische Indie-Pop Bands wie Death Cab For Cutie und Spoon geprägten Musikgeschmack. Zudem kam, dass der DJ an dem Abend, der auch das Quiz durchführte, etwa in unserem Alter war und während den Fragen Songs aus den 90er Jahren spielte, so dass wir uns inmitten all der Teenager auf der sicheren Seite fühlten.
Leider fiel seine Wahl bei den Liedern, die im Quiz gefragt wurden, komplett anders aus, da diese nämlich ausschließlich aus den aktuellen Charts kamen und wir daraufhin insgesamt auch nur zwei von zehn Songs richtig geraten haben. Unabhängig davon, dass unser Altersgenosse an dem Abend auf jeden Fall seinen Bildungsauftrag verfehlt hat, mussten wir zwei ernüchternde Erfahrungen machen. Zum einen, dass nach fast zwanzig Jahren seit unserem Schulabschluss eine neue Generation herangewachsen ist, der Plattenspieler und Chromdioxidkassette genauso wenig sagt wie uns Online Streaming über Soundcloud und Spotify und zum anderen, dass wir mit der seelenlosen, programmierten Popmusik der letzten Jahre auch nicht viel versäumt haben.
Die beiden Schulungstage liefen ziemlich routiniert und unspektakulär ab. Kurzzeitig hatte ich das Gefühl, dass wir in einem Raumschiff waren, da nicht nur die gesamten Vorträge und Workshops im Hotel stattfanden, sondern auch die Abendveranstaltung und wir daher das Holiday Inn während der gesamten Zeit nie verließen. Ein Grund auch, weshalb ich mich auf Schulungen freue, ist der Austausch mit anderen Promotoren aus den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands. Nur dieser kam diesmal eigentlich kaum zustande, da fast alle der Teilnehmer in den Kaffee- und Zigarettenpausen mit ihren internetfähigen Telefonen beschäftigt waren und eher damit, mit jemanden in hundert Kilometer Entfernung zu chatten, als sich vielleicht mit ihrem Sitznachbar zu unterhalten.
Da wir insgesamt mehr als zweihundert Promotoren waren, wurden wir anfangs in kleine Gruppen aufgeteilt und wechselten daher regelmäßig die Schulungsräume, um von den jeweiligen Trainern zu unterschiedlichen Themen und Produkten geschult zu werden. Grundsätzlich ging es um das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Segmenten wie TV, Notebooks, Tablet PCs, Handys und Kameras. Nur leider ließ die Kompetenz der meisten Trainer sehr zu wünschen übrig, so dass man bei einer Frage zum Merkmal eines neuen Produkts auf Wikipedia verwiesen wurde. Außerdem strotzten die meisten Folien der Präsentationen vor orthografischen und grammatikalischen Fehlern, geschweige denn, dass Anstrengungen unternommen wurden, sich für diese vielleicht zu entschuldigen oder sie gar zu korrigieren. Auch die Rollenspielen, bei denen unterschiedliche Verkaufssituationen mit verschiedenen Kundentypen imitiert wurden, wurden danach weder analysiert noch verbessert, wodurch natürlich der Lernfaktor ausblieb. Diese oberflächliche und mangelhafte Arbeitsweise entsteht dann wohl, wenn die eigene Aufmerksamkeitsspanne nur noch auf fünf Minuten begrenzt ist, weil man ständig mit seinem Smartphone beschäftigt ist.
Die gesamte Schulung erwies sich also im nachhinein nicht nur als eine enorme Zeitverschwendung, sondern war auch wieder ein trauriger Beleg dafür, dass wir in einer immer mehr verdummenden und vor allem autistischen Gesellschaft leben, in der das Mittelmaß das Maß aller Dinge geworden ist und dieses nur noch durch die damit verbundene Faulheit getoppt wird.