It Runs In The Family

Gestern hatte ich meinen letzten Arbeitstag in diesem Jahr. Der Saturn in Steglitz ist inzwischen umgezogen und ist jetzt von der Verkaufsfläche der größte Elektrofachmarkt in Berlin. Ob diese enorme Expansion eine gute Entscheidung gewesen ist, wird sich noch herausstellen. Besonders hoch frequentiert ist er zumindest nicht. Wie auch, wenn es in der Schloßstraße mittlerweile fünf große Einkaufscenter gibt und sich der Kuchen immer mehr verteilt. Das Arbeitsklima im Markt ist genauso schlecht wie im vorherigen. Kaum einer der Verkäufer lächelt, fast jeder ist angespannt und von ängstlichen, paranoiden Blicken seiner Kollegen umgeben. Die meisten, mit denen man spricht, sind genervt und niemand scheint wirklich glücklich zu sein mit seiner Arbeit dort. Viele der Verkäufer sind Auszubildende und Praktikanten, die zwar nichts kosten, aber den Umsatzdruck genauso zu spüren bekommen wie die Festangestellten. Dazu sind die neuen Verträge alle befristet, in denen sich der Verkäufer zusätzlich verpflichtet, in jeder Abteilung eingesetzt zu werden. Damit sinkt das ohnehin schon sehr niedrige Beratungsniveau natürlich immens, da jeder nur noch ein schnell angelerntes Halbwissen über die Produkte hat, die er verkauft. Das ist Kapitalismus in seiner Reinstform, nämlich bei möglichst wenig Investition und Verbindlichkeit das Maximale herauszupressen. Der einzige, der davon profitiert, ist der von allen gefürchtete Geschäftsführer, der, wenn man sein Bild über der Information am Eingang sieht, mit seinem leeren, abgearbeiteten Blick auch schon lange jenseits von Gut und Böse ist und genauso gottlos wirkt wie die Arbeitsatmosphäre, welche er in den letzten zehn Jahren mit seiner Personalführung geschaffen hat. Ich bin dann immer wieder verwundert, wieviele Menschen sich täglich freiwillig einer solchen Selbstkasteiung aussetzen und das nur, damit eine Handvoll Menschen am Ende des Jahres ein paar Nullen mehr auf ihrem Kontostand stehen haben.
Als ich vor fünfzehn Jahren meinen ersten Promotionjob als Springer für die Nintendo Winterpromotion in der Spielzeugabteilung bei Karstadt übernommen habe, hätte ich wohl nicht gedacht, mir damit bis heute meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Promotion, das Auffangbecken für Nicht-Gesellschaftskonforme, oft bestehend aus Langzeitstudenten, Künstlern oder einfach Freidenkern, die sich in keine feste Rolle im gesellschaftlichen System pressen lassen wollen. Einige meiner Kollegen haben sogar eine abgeschlossene Ausbildung oder auch ein Studium hinter sich, wohingegen andere zum Teil auch schon ‘mal in einer festen Anstellung waren, dann aber wieder zurückgekehrt sind zum freiberuflichen Job im Einzelhandel. Alle verbindet eigentlich eines: Nämlich das Bedürfnis selbstbestimmt, frei von Autorität und mit möglichst wenig Konventionen einer Arbeit nachzugehen, die ihnen immer noch genügend Freiheit gibt, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen als dem profanen Broterwerb. Dafür wird im Gegenzug auch gern auf ein Job in Festanstellung mit Vorzügen wie bezahltem Urlaub, Weihnachtsgeld, einer Kranken- und Rentenversicherung und einer Bezahlung im Krankheitsfall verzichtet. Über lange Zeit habe ich meinen Job nicht wirklich zu schätzen gewusst, da man dafür keine Qualifikation oder zumindest einen von der Gesellschaft anerkannten Abschluss braucht und ähnlich wie auch mein Vater, der seinen Unterhalt hauptsächlich als Synchronsprecher verdient und nur sporadisch Einnahmen als Autor hat, habe ich viele Jahre meine Haupteinahmequelle als etwas Minderwertiges abgetan. Mittlerweile weiß ich aber, dass es mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von zwanzig Euro, flexiblen Arbeitszeiten und freier Pauseneinteilung bestimmt härtere Arbeiten gibt auf dieser Welt.
Neben der Selbstüberschätzung ist ein anderer wichtiger Teil meiner Persönlichkeit die Angst vor dem täglichen Leben. Bis heute stellt für mich immer noch jeder Tag eine große Überwindung dar und besteht eigentlich nur aus zu erledigenden Aufgaben und Pflichten, so dass ich oft erst wirklich entspanne, wenn ich abends geduscht auf meinem Bett liege und mein Müsli esse. Diese Schwere nimmt zwar im zunehmenden Alter immer mehr ab, dennoch ist sie aber immer allgegenwärtig. Jetzt, wo ich seit drei Monaten wieder bei meiner Mutter wohne, wird mir bewusst, dass sie ähnliche Ängste hat und eigentlich ein fast autistisches Leben lebt. Neben Spaziergängen sind ihre Tage hauptsächlich mit Büchern, Radiosendungen und Filmen gefüllt. Jede Kommunikation mit der Außenwelt, sei es in Form von geschäftlichen Telefonaten oder Briefen, kostet sie viel Kraft, so dass sie manchmal sogar mehrere Tage nicht aus dem Haus geht.
Der Einfluss der Eltern auf das eigene Leben ist dann anscheinend doch stärker, als man glaubt. Vielleicht auch weil ich ein Einzelkind bin und die Muster, die man übernimmt dann natürlich potenzierter sind, als wenn man eines von vielen ist.