Taking Part is The Hardest Part

Seit fast sechs Jahren ziehe ich nun schon von einem Zwischenmietsverhältnis zum nächsten und genauso lange ist es auch her, dass ich aus meiner Wohnung im Tegeler Weg ausgezogen bin, um die Welt zu erobern. In der Zeit habe ich auf jeden Fall zwei Dinge gelernt. Erstens, man nimmt sich immer überall mit, egal wohin man geht. Und zweitens, nur weil man hochgesteckte Ziele hat und viel Zeit mit Warten verbringt, heißt es nicht, dass man diese auch erreicht.
Wenn ich ehrlich zu mir bin, war mein Masterplan auch noch bis vor ein paar Jahren, mit meinem Album so viel Geld zu verdienen, dass ich mir eine Eigentumswohnung in Kreuzberg oder Mitte kaufen kann und diese dann von einem Innenarchitekten nach dem modernsten Standard einrichten lasse. Da die erhoffte Million bis jetzt aber leider ausgeblieben ist, bin ich inzwischen auf der Suche nach einer bezahlbaren Mietwohnung und werde wohl auch bald wieder bei Ikea stehen, um mir mein obligatorisches Klippan Sofa zu kaufen. Denn so cool Kreuzberg auch ist, gibt es hier auch Dinge, die ich nach meinem Umzug auf keinen Fall vermissen werde. Zum einen die zerbrochenen Bierflaschen auf den Gehwegen, die mir schon mehr als nur einen Platten beschert haben. Dann sind da noch die Hundehaufen vor meiner Haustür, die sich, sobald einer halbwegs verwest ist, immer wieder von neuem auftürmen und ich mich frage, warum die Hundebesitzer ihre kackenden Köter nicht einfach einen Meter zu Seite zerren können, anstelle sie die Eingänge zuscheißen zu lassen. Aber das ist vielleicht ein Teil der punkigen Attitüde hier, nach dem Motto: ‚I don’t give a shit but my dog does.‘
Und zu guter Letzt werde ich wohl auch sehr gut ohne die penetranten Geräusche der frisierten Mopeds leben können, die einem abends den Schlaf rauben. Mopedfahrer. Zu faul, um sich ein Auto zu kaufen und zu faul, um Fahrrad zu fahren und eigentlich nur dazu da, Lärm zu machen und die Luft zu verpesten. Dann gibt es wiederum aber auch Sachen, die Kreuzberg sehr lebenswert machen. Angefangen von den vielen illustren Cafés und den verschiedenen Imbissen und Spätkaufs, über die sehr zentrale Lage, da man eigentlich überall in dreißig Minuten ist, bis hin zum gegenseitigen Respekt, da sich jeder so kleiden und geben kann wie er möchte. Allerdings sind die Mieten in den letzten Jahren dermaßen unangemessen hoch gestiegen, dass ich nicht bereit bin, den Wucher der Vermieter zu unterstützen. Eine meiner letzten Wohnungsbesichtigungen fand u.a. in einer möblierten zwanzig Quadratmeter Wohnung im Wrangelkiez statt, die dreihundertsiebzig Euro im Monat kostet. Ein Kiez, in dem inzwischen sogar ein Restaurant wie das Eckbert für ein Spargelessen achtzehn Euro nimmt.
Mit der Suche nach einer eigenen Wohnung, bin ich also nun langsam bereit, in dieser Welt Fuß zu fassen und werde parallel dazu allerdings auch wieder mit meinen Perfektionismus konfrontiert, da mir bewusst wird, dass auch keine Wohnung vollkommen ist. In meinem Wahnsinn leite ich diese dann oft auf andere Bereiche in meinem Leben, um wenigstens etwas zu haben, das ich nach meinen Vorstellungen formen kann und merke dabei aber, dass auch diese letzte Bastion am Wanken ist. Gedanken über die Art der Unterschrift auf meiner EC-Karte oder aber auch die Unregelmäßigkeit der Naht auf dem Griff meiner neu gekauften Sportasche halten mich dann oft nächtelang wach. Wie es schon im Buddhismus heißt: ‚Jeder Gedanke kann ein Segen oder ein Fluch sein.‘ In depressiven Zeiten trifft bei mir dann meistens die zweite Möglichkeit zu. Ich kann das Ganze sicherlich auch als einen Spiegel meines gewählten Lebens sehen, da ich mir Probleme schaffen kann, für die andere Menschen gar keine Zeit haben, da sie z.B. eine Familie haben und eher bemüht sind, die nächsten Rechnungen pünktlich zu zahlen, als sich Gedanken darüber zu machen, ob das Label im Inneren ihres T-Shirts entfernt werden sollte oder nicht. Ein mir ähnliches Erlebnis hatte ich vor kurzem in einem Schreibwarenladen, in dem eine Mitte vierzigjährige, vermutlich kinderlose Frau, mit einer grauen Pilzkopffrisur und braunem Filzmantel sich darüber beschwerte, dass es ihr Lieblingsfarbstift schon seit Wochen nur in grün, nicht aber in olivgrün erhältlich ist.
Die sich immer stärker manifestierenden Neurosen im Alter, das ist anscheinend das Los der Egotisten. Ich merke also, selbst wenn ich bald eine eigene Wohnung gefunden habe, ist es für mich noch ein langer Weg zur inneren Ruhe und Zufriedenheit.