Belief Patterns

Seit vielen Jahren ist es nun schon Tradition, dass ich mich mit meinen drei besten Freunden alle paar Wochen zum gemeinsamen Pasta- und Videoabend treffe. Zu Studentenzeiten fand das noch fast an jedem Sonntag in meiner alten Wohnung im Tegeler Weg statt. Auf meinem Klippan Sofa gequetscht guckten wir dann oft heruntergeladene Lowbrainer Komödien in schlechter Synchronisation, während wir uns gierig über unsere überfüllten Spaghettiteller mit Tomatensoße hermachten. Unser damaliger Inbegriff von Glückseligkeit und ein schöner, gemeinsamer Moment, um den Alltag für ein paar Stunden zu vergessen. Die Treffen haben sich inzwischen in Filipe’s Wohnung verlagert und den 17-Zoll PC Monitor mit Stereoboxen hat ein Beamer mit einer 5.1 Anlage ersetzt. Der Ritus ist aber der gleiche geblieben. Nur dass wir uns jetzt, da wir alle älter geworden sind und geregelte Jobs haben, nicht mehr so häufig  sehen.
Claude hatte sich diesmal zuvor die Mühe gemacht, unsere gemeinsamen Fotos der letzten zehn Jahren einzuscannen und nach Datum zu ordnen. Angefangen von Urlauben, Kurztrips, Parties und Geburtstagsfeiern war alles mit dabei. Ich habe es an dem Abend wieder bereut, in den vergangenen Jahren nicht auch mehr Bilder gemacht zu haben. Denn wie so oft ist es im Moment selber oft nervig, ein Foto zu machen, die Freude dafür aber später eine Erinnerung zu haben, umso größer. Trotz einer relativ geringen Ausbeute an Bildern, wurde ich an diesem Abend wieder daran erinnert, wie dunkel meine Jahre zwischen fünfundzwanzig und dreißig waren. Jahre, die eigentlich nur von einer einseitigen Routine geprägt waren, da mein Leben eigentlich nur aus Promotionjobs, Fitnessstudiobesuchen und Videofilmen am Abend bestand. Die drei Dinge in meinem Leben, die mich über Jahre am Leben gehalten haben. Auch die ansonsten obligatorischen Sommerurlaube blieben in der Zeit aus. So kann ich mich rückblickend eher an die Kinofilme erinnern, die ich in der Zeit gesehen habe, als an Momente mit meinen Eltern und Freunden. Es war keine wirkliche coole Zeit. Vermutlich habe ich aus diesem Grund auch kaum Bilder gemacht, da ich mehr bemüht war, das Leben auszublenden, als es in schmerzlichen Erinnerungen festzuhalten.
Ein prägendes Merkmal, welches damals symbolisch für mein absolutes Überfordertsein mit dem Leben stand und auch auf jedem Foto von uns festgehalten war, war mein damaliges Kleidungsmuster. Ich hatte mir irgendwann eingeredet, dass ich keine Jeans und Hemden mehr tragen kann und trug daraufhin über mehrere Jahre nur noch blaue Pluderhosen, weinrote T-Shirts und Pullis. Es ist auf jeden Fall heilsam, ab und zu in die Vergangenheit zurückzublicken und wenn es nur dazu dient, zu sehen wie man sich weiterentwickelt hat. Bei mir ist es eben u.a. die Erkenntnis, dass ich mit sechsunddreißig inzwischen in der Lage bin, drei Paar Jeans in verschiedenen Schnitten und von unterschiedlichen Herstellern in meinem Kleiderschrank hängen zu haben. Auch wenn ich bei der Auswahl meiner Hemden und T-Shirts immer noch ziemlich begrenzt bin.
Sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen, da jeder Mensch seinen eigenen, individuellen Weg zu gehen hat, ist eine Lektion, die ich auch erst sehr spät gelernt habe. Auf diese Weise wird man schnell zum Sklaven seiner eigenen Unsicherheit und gewinnt außer einer ständigen Unzufriedenheit nicht viel. Das heißt nicht, dass man sich keine Ziele setzen und bestrebt sein sollte, Dinge, die einen stören, zu ändern. Aber das sollte in kleinen Schritten und ohne ständigen, innerlichen Druck passieren. Mit diesen Glaubenssätzen habe ich noch fast jeden Tag zu kämpfen. Ich rede mir dann oft ein, dass ich etwas erst erreichen oder mir gönnen kann, wenn ich bestimmte Bedingungen erfüllt habe, wie z.B. dass ich erst meine Bestimmung gefunden haben muss, um glücklich zu sein.
Im Endeffekt bringen diese Glaubensmuster nichts weiter als Leid und lenken von der wahre Freude und Fülle, die das Leben jedem Menschen zu bieten hat, ab. Absurderweise wird dieser Stress auch nur von einem selbst geschaffen und existiert einzig und allein im eigenen Kopf. Es bleibt also ein selbst erschaffenes Leiden, weil man überzogene Erwartungen an sich und auch an seine Mitmenschen stellt, die nicht erfüllt werden können. Diese Haltung kann dann schnell zu Enttäuschungen, Frust bis hin zu Depressionen führen und dazu, dass viele Menschen sich dem Leben verweigern. So wie ich es auch über sehr viele Jahre getan habe. Ich lerne also immer mehr, dass es viel wichtiger ist, das Leben so zu nehmen wie es kommt und jeden Moment bewusst wahrzunehmen. Denn letzten Endes hat alles, was einem erfährt, einen Sinn. Auch wenn wir dieses oft erst viel später erkennen.