It’s Been A Long Way

Das Hasenjahr ist nun fast vorbei und meine Albumproduktion so langsam im Kasten. Zehn Songs in zehn Jahren ist sicherlich nicht die produktivste Ausbeute in der Musikgeschichte, aber wie heißt es so schön: Der Weg ist das Ziel. So wurde mir in den letzten Jahren immer mehr bewusst, wieviel Arbeit eigentlich in der Produktion einer CD steckt. Mindestens zehn Lieder in einem eigenen Stil zu schreiben, die alle einen persönlichen Ansatz haben und dazu nicht gleich klingen. Wenn ich da an meine ersten Aufnahmen denke, die ich Ende der neunziger Jahre mit meiner damaligen Studentenband im Jugendheim Charlottenburg gemacht habe. Fast alles Balladen in Moll mit Texten, die ich mir bei meinen Lieblingsbands abgeguckt hatte oder eigenen Textzeilen wie: ‚I fly up to honey skies‘.
Das war auch mit das Erste, das ich bei meinem Studium in Bristol gelernt habe: Eigene Texte zu schreiben und dabei auch den Mut zu haben, unkonventionell zu sein und nicht nur irgendwelche Floskeln zu kopieren. Wobei Klischeereime im Endeffekt gar nicht so schlimm sind, wenn man ein eigenes Bild dahinter hat und sie nicht nur plakativ aneinandereiht. Textlich war es daher ein langer Weg bis ich endlich zufrieden war mit meinen Songs. Sicherlich, weil mir beim Schreiben meiner Lieder die Lyrics immer viel wichtiger waren als die Musik. Wie mir mein Astrologe schon vor Jahren sagte: ‚Ja, eine musikalische Begabung haben Sie, aber ihr wahre Bestimmung liegt im Schreiben. Aber sie wissen ja, man muss immer erst den falschen Weg gehen, um sich selbst zu finden.‘ Das wollte ich damals nicht wirklich wahr haben. Jahre später kann ich aber immer mehr nachvollziehen, was er damit meinte. Besonders, wenn ich immer noch jede Woche im Leo Forum nach neuen Songzeilen suche, weil ich mir oft nicht sicher bin, ob der Text funktioniert. Einen steinigen Weg, den ich da die letzten Jahre gegangen bin, nur um der Welt zu zeigen, dass ich ein cooler Typ bin. Dennoch ist es bei allen frustrierenden Momenten immer auch eine sehr erfüllende Erfahrung, ein Lied zu schreiben, das eine persönliche Erfahrung oder Erkenntnis verarbeitet und für mich immer noch das schönste Gefühl, das nichts ersetzen kann in dieser Welt. So hat Kunst für mich auch immer etwas mit Leid zu tun. Zum einen als Impuls, um überhaupt etwas zu kreieren und zum anderen der oft vom übertriebenen Perfektionismus begleitete Weg zum fertigen Werk, mit dem man dann schließlich auch zufrieden ist. Mein Hauptantrieb wie bei vielen Künstlern ist sicherlich die menschliche Hybris, größer zu sein, als die göttliche Schöpfung und etwas zu schaffen, das einen überdauert und in gewisser Art unsterblich macht. Wenn es auch nur in Form eines Liedes ist, das im Idealfall noch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung im Radio gespielt wird. Eigentlich eine ziemliche Anmaßung, da alles Kreative in dieser Welt immer aus einer Interaktion zwischen dem menschlichen Individuum und dem Göttlichen entsteht und der Mensch dabei oft auch nur ein Ventil dessen ist.
Nach meiner Studentenband hatte ich dann die Idee, lieber mit einer Sängerin zu arbeiten und vom Rock eher in Richtung Trip Hop zu gehen. Einerseits, weil ich mit meinen Gesangskünsten nicht besonders zufrieden war und zu faul, um mir die Lieder selber zu erarbeiten und andererseits, weil ich mit der Produktion der Songs unabhängig sein wollte, da ich es Leid war, immer allen Bandmitgliedern hinterherzutelefonieren. Denn diese waren meistens eh nur begrenzt engagiert waren und nicht wie ich mit der Musik eine Professionalität verfolgten. Daraufhin folgte eine Zeit des Homerecordings mit Sessionmusikern und Sängerinnen, in denen ich meine neuen Songideen ausprobieren und gleich aufnehmen konnte. Nach ein paar Jahren herumwerkeln in meinen vier Wänden und etliche Demotapes später, die aber nie gefruchtet haben, ging es dann zur Sinnsuche für ein halbes Jahr nach Australien. Immernoch bereit, mein eigenes Album zu machen. Von dort zurückgekommen knüpfte ich wieder an meinen ersten Plan an, nämlich selbst zu singen und nahm Gesangsunterricht bei verschiedenen Lehrern. Begleitend dazu ging es mit Sessionmusikern und einem Produzenten in ein professionelles Studio, um nun endlich meine Platte aufzunehmen. Die Aufnahmen dazu dauerten knapp ein Jahr und endeten damit, dass ich das Projekt komplett stoppte, weil ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Die Songs standen noch nicht wirklich, zudem war auch noch kein eigener Stil erkennbar und mein Gesang war mehr von schiefen Tönen bestimmt als von einer Gänsehaut.
Danach kam Bristol. Eine Chance, mein Songschreiben zu vertiefen und auch endlich ‚mal ein Feedback von Muttersprachlern zu bekommen, da ich über viele Jahre immer Komplexe hatte als Deutscher Songs auf Englisch zu schreiben. Es war schon ein großer Erfolg für mich, dort überhaupt angenommen zu werden, nachdem meine Bewerbungen in den Jahren zuvor, sowohl an der Hans-Eisler Hochschule als auch dem Liverpool Institute of Performing Arts in Ablehnungen endeten. Die wichtigste Erkenntnis während meines Studiums war, dass ich mir eben mein Album nicht erkaufen kann, sondern selber wissen muss, was ich will. Andere können mich dabei begleiten, aber nicht meinen Weg für mich gehen. Geschweige denn mich an die Hand nehmen und alle Entscheidungen für mich treffen. Die Zeit des ‚Pferd von hinten Aufzäumens‘ war nun also vorbei und ich war bereit, mit einer neuen Band meine Lieder zu erarbeiten und diese dann zusammen aufzunehmen. Zwei Jahre später mit inzwischen wieder Sessionmusikern und einem erfahrenen Produzenten an meiner Seite stehe ich meinem Traum so nah wie noch nie zuvor.
Es war eine spannende Zeit, in der ich viel über mich gelernt habe. Mein Produzent hat mir dabei sehr geholfen und ich glaube, wir haben eine sehr persönliche Platte aufgenommen, die auch zugleich meinen Leidensweg der letzten Jahre widerspiegelt. Oft frage ich mich, weshalb ich mich der ganzen Arbeit freiwillig ausgesetzt habe, die oft gefüllt war von Zeiten der Unsicherheit und Selbstzweifeln und ich nicht einfach in eine andere Richtung gegangen bin. Inzwischen ist mir aber bewusst geworden, dass der Weg der Kunst keine wirklich freie Entscheidung ist. Man geht ihn, weil man nicht anders kann. So hat mich die Musik oder der Traum, mit meiner Musik irgendwann ‚mal erfolgreich zu sein, über sehr lange Zeit am Leben gehalten. Andere Menschen nehmen Drogen, um ihren Dämonen zu entkommen. Ich habe aber immer versucht, meine Ängste im Kreativen umzusetzen. Für mich auf jeden Fall der heilsamere, wenn auch oft schmerzlichere Weg. Auf diese Weise bin ich über all die Jahre mit meiner Musik gewachsen und rückblickend sehr froh, in meinem Leben den künstlerischen Pfad gewählt zu haben und nicht fremdbestimmt mein Dasein in einem drögen Job zu fristen.

Wenn es interessiert, hier ein Link zu zwei meiner Demosongs aus meiner Homerecordingzeit:

http://www.reverbnation.com/play_now/11585264

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