Planet Koepenick

Nach drei langen Monaten, die wieder gefüllt waren mit Selbstzweifeln und perfektionistischen Wahnsinn war es nun letzte Woche endlich so weit die Hosen ‚runterzulassen und zu sehen, ob die zehn Jahre Vorproduktion meines Albums nicht völlig umsonst gewesen waren. Mit einem dementsprechend mulmigen Gefühl fuhr ich dann auch am ersten Tag ins Aufnahmestudio. Aufgenommen haben wir bei meinem Produzenten, in einem von mehreren Aufnahmeräumen in der Forsterstraße in Kreuzberg, wo u.a. auch Seeed, Peter Fox und Rosenstolz ihre Studios haben. Daher konnte ich es mir auch nicht nehmen, immer wenn sich die Möglichkeit ergab, das ein oder andere Studio auszuchecken. Am Beeindruckendsten waren die Gemächer von Rosenstolz, die auf einer ganzen Etage neben ihren Aufnahme- und Proberäumen auch ihr komplettes Management und eigenes Plattenlabel mit integriert haben. Auch wenn sie mich musikalisch nie wirklich inspiriert, sondern viel eher zum Auswandern bewogen haben, überkam mich schon ein Gefühl der Ehrfurcht, als ich dort den mit goldenen Schallplatten gepflasterten Gang entlangging, um ein Paket für meinen Schlagzeuger abzuholen.
Dog und Björn, zwei routinierte und erfahrene Studiomusiker, die ansonsten zusammen in der deutschen Punkband ‚Abwärts‘ spielen, haben die acht Songs von mir in nur zweieinhalb Tagen eingespielt. Während der Aufnahmen blieb mir regelrecht der Mund offen stehen, da sie meistens nur zwei bis drei Takes brauchten, um den jeweiligen Song einzuzimmern und das, obwohl sie die Lieder vorher nicht kannten. Bei den ersten Songs habe noch mitgespielt, wollte dann aber die Aufnahmen der Lieder, bei denen das Arrangement nocht nicht komplett stand, nicht durch mein herumsuchendes, unsicheres Spiel verhunzen. Sicherlich auch, weil ich durch so viel geballte Professionalität ein wenig eingeschüchtert war. So langsam nimmt meine Platte also Form an und ich bin wieder motiviert, die Produktion zu einem erfüllten Abschluss zu bringen. Zumal ich jetzt dank Björn, dessen Idee es war, eine meiner melancholischen Mollballaden einfach im doppelten Tempo zu spielen, auch meinen ersten Club tauglichen Song mit im Gepäck habe. Am letzten Tag brachte ich noch den Gitarrenverstärker, den ich mir extra für die Produktion ausgeliehen hatte, zurück zum Instrumentenverleih in Marienfelde. Herr Schwartau, der Besitzer kam mir wieder gut gelaunt mit seinem unverhüllten, gigantischen Bierbauch entgegen, als ich dort kurz vor Feierabend eintraf. Bevor ich wieder losfahren konnte, fragte er mich noch nach bekannten Gitarristen aus den fünfziger Jahre, die seines Erachtens Geschichte geschrieben haben, von denen ich aber noch nie etwas gehört hatte. Bei dem ganzen Frage-Antwort Spiel vergaß ich völlig noch einen Marmeladenwitz zu machen, obwohl ich es mir vorher noch fest vorgenommen hatte.
Am nächsten Tag war ich gleich wieder in meiner Promotionroutine und hatte am vergangenen Montag meinen letzten Einsatz für ‚Chesterfield‘ in einem Einkaufszentrum in Köpenick. Nach knapp einer Stunde stand ich schon kurz vor einer Depression. In dem Center befanden sich eigentlich nur grimmig guckende Rentner in grauen Anoraks und Gesundheitssandalen, die farblich nicht zu ihren weißen Tennissocken passten. Die wenigsten nahmen mich in meiner quietschroten Jahre wahr und selbst wenn ich sie freundlich ansprach, gingen sie einfach wortlos an mir vorüber. Als Ausgleich gab es noch die Fraktion der übergewichtigen, tätowierten Mütter mit gefärbten Haaren, die mit ihren nervenden Kinder aber wenigstens etwas Leben in diesen trostlosen Ort brachten. Im Hintergrund lief aus Lautsprechern der Haddaway Song ‚What is Love‘, wobei ‚Where is the Love‘ von den Black Eyed Peas da wohl besser in die Szenerie gepasst hätte. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Planeten. Verbannt auf Planet Köpenick. Die Frau des Tabakwarenbesitzers, die als Urlaubsvertretung hinter dem Verkaufstresen stand, war in ihrer Lethargie auch nicht mehr zu überbieten und dadurch auch keine wirkliche Ablenkung von der Endzeitstimmung. Mir war schnell klar, dass ich dort nicht alt werden würde, also rief ich gleich bei meiner Agentur an und ließ mich an eine Tankstelle in der Nähe des Einkaufscenters versetzen, in der ich dann den Rest des Tages ausharrte. Obwohl dort auch niemand an meinen Zigaretten interessiert war, waren die meisten Leute aber zumindest zugänglicher und freundlicher. Während ich im Eingangsbereich stand und mit den noch zu ertragenden Stunden kämpfte, lief wieder Musik im Hintergund. Diesmal aus dem Radio. Die meisten Lieder, die gespielt wurden, waren grauslich, von dem dummen Gequatsche der Moderatoren ‚mal ganz abgesehen. Ich war jedes Mal froh, wenn ein Song aus den Achtzigern oder Neunzigern lief und nicht der kommerzielle Technopop von heute. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich auch, als ich gestern wieder beim Body Pump Kurs im Fitnessstudio war und die fünfzigminütige Musik der neuen Choreographie eigentlich nur einen guten Song beinhaltete und zwar ‚Sweet Child of Mine‘ von Guns ’n Roses. Lustigerweise erklärt jedes Mal einer der vier Fitnesstrainer, die den Kurs abwechselnd geben, dass der Song sein absolutes Lieblingslied ist. Wieder ein Beleg dafür, dass die meisten Leute eben doch gute Musik erkennen, wenn sie läuft. Nur dass diese leider im rarer wird, dafür aber die wöchentlichen Albumneuveröffentlichungen immer mehr. Das sind wohl die Zeiten, in denen wir leben. Quantität hat schon lange die Qualität abgelöst. Gerade eben habe ich mir eine Wohnung im Graefekiez in Kreuzberg angeguckt. Dreißig Quadratmeter mit einer vergammelten Küchendecke für vierhundert Euro warm. Das Traurige daran ist, dass mit mir über zwanzig Leute da waren, von denen sich sicherlich mehr als einer für die Wohnung bewerben wird.