Just Do It

Als ich vor kurzem wieder in meiner Pause die Alexanderstraße überquerte und mir meinen Weg durch die Hunderte von Zettelverteilern bahnen musste, die dort immer auf der Fußgängerinsel lauern, um einen mit Partyflyern zuzumüllen, verteilten diesmal auch ein paar junge Männer Prospekte, um Werbung für ihre muslimische Relgionsgemeinschaft zu machen. Der Prospekt war recht überschaubar und bestand eigentlich nur aus paar Zitaten aus dem Koran und zwei Fotos von den geistigen Führern ihrer Glaubensgemeinschaft. Die üblichen bärtigen Männern mit Turban, die wieder sehr ernst in die Kamera guckten, als ihr Foto gemacht wurde. Ich war noch nie ein großer Fan von Bärten. Eine Erfindung von Männern, die immer mehr darstellen wollen, als sie sind und eigentlich nur dazu dienen, ihre Unsicherheit zu kaschieren. Auch wenn die Bärte in allen möglichen Formen variieren, strahlen sie für mich vor allem immer eines aus: Unreife.
Meine CAE Prüfung rückt immer näher. Henry, unser Lehrer hat uns in den letzten Wochen gut mit Vorbereitungsmaterial versorgt. Hunderte von Übungen liegen nun bei mir zu Hause auf meinen Tischen verteilt. Das Einzige, was jetzt nur noch zwischen ihnen und mir steht ist meine Phlegma. Der tägliche Kampf mit meiner Faulheit ist zur Zeit auch das einzig Stetige in meinem Leben. Dabei ist das Gefühl, wenn ich mich wieder überwunden habe, eines der erfülltesten, das ich kenne. Oft hilft als Motivation natürlich einfach der Zeitdruck. Allerdings habe ich diesen Stressfaktor in den letzten Jahren bewusst und konsequent aus meinem Leben verbannt. Eine Freiheit, die mir jetzt nicht immer zum Vorteil gereicht. Mittlerweile habe ich aber gelernt, die Sachen einfach zu tun, anstelle stundenlang nachzudenken, wie und wo ich anfangen soll. Wie der Nike Werbeslogan schon verspricht: Just Do It.
Die Überwindungen finde ich vor allem in der alltäglichen Routine wie einkaufen zu gehen oder mich wieder zum Sport zu schleppen. Ab und zu treten dann aber auch unerwartete Ereignisse ein, die die monotonen Dinge des Alltags immer wieder spannend machen, wie z.B. als ich gestern bei meinem ‚Body Pump‘ Workout war, der normalerweise von etwas hausbackenen Frauen Anfang vierzig gegeben wird. Nur dass diesmal ein krasses Babe auf dem Trainerpodest stand. Ich musste mich wirklich bemühen, sie nicht den ganzen Workout über anzustarren, während sie mit uns voller Power, aber auch mit Humor durch die Übungen ging. Als sie sich dann bei den Bauchübungen noch knieend nach vorn beugte und mit einem Tigerblick durch ihren Schmollmund zischte, war ich für ein paar Minuten völlig geflasht. Das Leben ist dann immer wieder voller Überraschungen. Um Robbie Williams zu zitieren: ‚If you feel lost, hurt, tired or lonely… something beautiful will come your way.‘
Am Sonntagabend war ich mit einem Freund in Friedrichshain, um das sechste Spiel der diesjährigen NBA Endspielrunde zu sehen. Der Abend stand kurz davor in die Sporthistorie einzugehen. Zum zweiten Mal in ihrer Vereinsgeschichte hatten die Dallas Mavericks nun die Chance die Basketballmeisterschaft für sich zu entscheiden und mit ihnen ihr Zugpferd Dirk Nowitzki, der schon vor dreizehn Jahren aus Würzburg in die amerikanische Profiliga rekrutiert worden war. Es lag also ein Hauch von Patriotismus in der Luft, als ich mich nachts um zwei Uhr mit meinem Fahrrad auf in die ‚Salamas‘ Sportsbar machte. Dort angekommen war schon viel los und die eh schon kleine Bar komplett überfüllt. Harry hatte uns glücklicherweise zwei Sitzplätze vor dem Eingang gesichert, von wo aus wir dann durch eine der beiden großen Fensterscheiben das Finale live miterleben konnten. Zwar ohne Ton, aber dafür waren wir an der frischen Luft und mussten uns nicht der stickenden Schwüle im Laden aussetzen. Dem Besitzer der Bar, der aussah wie ein Handlanger vom ägyptischen Antiquitätenhändler in der Kantstraße, war die Müdigkeit sichtlich ins Gesicht geschrieben, als er uns die Getränke servierte. Jedes Mal wenn Dirk Nowitzki einen Punkt machte, stieg natürlich der Geräuschpegel vor der Bar und worauf der Besitzer immer gleich ‚rausgerannt kam und uns ermahnte, leiser zu sein. Die Stimmung war gut, so dass immer wenn wir wieder laut jubelten und er uns mit erboster Miene anguckte, alle ein gemeinsames, übertriebenes ‚Schhhh‘ machten, das viel lauter war als das Applaudieren davor. Zu meinem Erschrecken sahen viele der Gäste in unserem Alter aufgedunsen und ungepflegt aus und unterstrichen mit ihrer Anwesenheit die schlurfige Schmuddeligkeit Friedrichshains.
Die Sonne war schon aufgegangen, als ich mich dann so gegen fünf Uhr zurück auf den Heimweg machte. Die Dallas Mavericks hatten sich jetzt zum ersten Mal den Meistertitel geholt und ich war froh, bald wieder in Kreuzberg zu sein.