Jack is Back

Mein Promotionjob für Casio läuft weiterhin, wobei es zunehmend schwerer wird, über den Alex zu gehen, ohne von irgendwelchen Hilfsorganisationen angesprochen zu werden. So wird der Weg in der Pause zu meinem geliebten Burritoladen in der Rosa-Luxemburg-Straße jedes Mal zu einem Slalomlauf. Eine der Organisationen, die auch dort mit ihrem dubiosen Stresstest um neue Mitglieder wirbt, ist Scientology. Die Leute, die dort am Stand arbeiten, sehen immer sehr angespannt aus, als ob sie dort gegen ihren Willen stehen und erst nach zwanzig erfolgreichen Akquisen wieder nach Hause dürfen. Auf den Plakattischen stehen dazu bergeweise Bücher von Ron L. Hubbard, die vom Layout her eher an Science Fiction Romane erinnern, als an Ratgeber mit Tips zur Lebensbewältigung. Es scheint, dass sich der Scientology Begründer da nicht ganz von seinen literarischen Wurzeln lösen konnte. Der Stand hat auf jeden Fall immer eine komische Energie und strahlt vor allem eines aus: Unseriösität. Es ist genau die fehlende Transparenz, die mich bei Scientology stört. Nämlich unter dem Deckmantel einer kirchlichen Organisation zu agieren, um keine Steuern zahlen zu müssen, obwohl es eigentlich auch nur ein Geschäftsunternehmen ist, das überteuerte Selbstfindungsseminare anbietet. Von der Sekten ähnlichen Struktur ‚mal ganz abgesehen.
Am letzten Samstagabend war ich spontan mit einem Freund im neuen Teil von ‚Fluch der Karibik‘, der wie mittlerweile alle Blockbuster auch in 3D gezeigt wird. Als noch sehr unerfahrene 3D Gucker war es eine Chance, unsere Skepsis dem neuen Trend über abzubauen oder aber auch vom Gegenteil überzeugt zu werden. Johnny Depp war wieder grandios in seiner Rolle als tänzelnder Pirat Jack Sparrow und hat sich mit der Figur auf jeden Fall einen Platz im Schauspielolymp gesichert. Die restliche, zum größten Teil englische und irische Besetzung überzeugte auch wieder. Die Stunts und die Effekte hielten den maßgebenden Standard von den sonstigen Jerry Bruckheimer Produktionen und wurden eigentlich nur von der herausragenden Filmmusik Hans Zimmers übertroffen. Am Schwächsten war die Geschichte, die sehr eingleisig und vorhersehbar vor sich hin plätscherte und ohne große Wendungen auskam. Die ganzen 3D Effekte waren eigentlich nur in den ersten zehn Minuten interessant und verloren ihre Spannung relativ schnell. Durch die teilweise sehr extreme Tiefenschärfe wirkte das Bild als Ganzes zudem oft unscharf und konstruiert, so dass man man schnell das Gefühl bekam, dass die Handlung hauptsächlich von den digitalen Effekten diktiert wurde. Mir fiel es dadurch schwer, wirklich in die Geschichte des Films abzutauchen und so nickte ich in regelmäßigen Abständen ein. Sicherlich auch weil wir in der Spätvorstellung saßen und ich wieder einen langen, anstrengenden Promotiontag hinter mir hatte.
Vier Tage später war ich dann wieder im Cinestar am Potsdamer Platz und zwar als Host bei der Europapremiere von ‚Hangover 2‘. Ähnlich schon wie bei der ‚Kokowääh‘ Premiere von Till Schweigers neuem Film im Januar, ließ sich der Filmverleih Warner Bros nicht lumpen und fuhr wieder ein immenses Marketing auf. Es gab einen hinter Absperrungen platzierten langen, roten Teppich. Überall hingen große Plakate und die Presse war in Form einer Schar von Fotografen und Kamerateams natürlich auch wieder vertreten. Steven Gätjen, der Moderator, machte wie immer einen guten Job, als er den Regisseur und die amerikanischen Hauptdarsteller im fließenden Englisch interviewte. Mein gefürchtetes Fremdschämen blieb diesmal also aus und für einen Moment vergaß ich auch die peinlichen Hollywood Walk of Fame kopierten Sterne in der Potsdamer Straße. Die Schauspieler des Films gaben sich entspannt unpretentiös, als sie interviewt wurden und sich mit ihren Fans fotografieren ließen. Wahrscheinlich eine nette Begleiterscheinung, wenn man aus dem Komödiegenre kommt und sich dadurch nicht ständig wichtig in Szene setzen muss. Der Star des Abends war Bradley Cooper, der seit dem unerwarteten, internationalen Erfolg von ‚Hangover‘ eine erfolgreiche Solokarriere begonnen hat und parallel dazu zum absoluten Frauenschwarm avanciert ist. Die Begeisterung machte natürlich auch bei meinen weiblichen Kolleginnen nicht Halt, die, während wir an der Garderobe die Mobilfunktelefone des Premierenpublikums einsammelten, gespannt darauf warteten, sich mit ihrem Hollywoodstar ablichten zu lassen. Ich hatte auch meinen Spaß, wobei ich mir inmitten der ganzen zwanzigjährigen Hostessen manchmal etwas deplaziert vorkam. Ein bisschen wie der dicke Hase, der den Absprung verpasst hat.