Unrealistic Objectives

Das pornöse Wetter hält nun schon seit Ostern an. Mir ist es bisher noch nie so extrem aufgefallen, wie alle auf einmal aufleben, sobald es wärmer wird. Die Cafés sind überlaufen und viele sind wieder bis spät unterwegs und genießen die milden, langen Abende. Das eitle Flanieren bleibt da natürlich nicht aus. Besonders die Frauen rücken sich nach einem langen, verhüllten Winter wieder ins rechte Licht. Wobei der Trend sich auch bei Minusgraden in enge Leggins und hohe Stiefel zu zwingen, die dunklen Wintermonate weitaus erträglicher gemacht haben, als in den Jahren zuvor. Zum Frühlingsbeginn ist das natürlich alles noch potenziert. Als Mann weiß man eigentlich gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Überall sieht man nur noch lange Beine und krasse Dekolltés.
Zu Ostern durfte natürlich der Kaufrausch nicht fehlen. Man wurde wie gewohnt von der Schokoladenindustrie zugemüllt, die schon wieder Monate im voraus mit ihren umgegossenen Weihnachtsmännern die Supermarktregale überfluteten. Am Samstagabend zog ich noch spontan los, um mich im Tumult der hortenden Massen mit ein paar Vorräten für das verlängerte Wochenende einzudecken. In meinem Einkaufskorb befanden sich meine üblichen Lebensmittel: eine Packung Müsli, ein Liter Milch, ein paar Äpfel, eingeschweißte Käsescheiben und von der Backtheke ein Brot, welches anfangs recht vielversprechend aussah, sich später aber wieder als eine billige Backbrotmischung herausstellte. Vernünftiges Brot zu bekommen, scheint inzwischen immer schwerer zu werden. Die letzte Instanz sind eigentlich nur noch die Bioläden, da die unzähligen Bäckereiketten in den letzten Jahren den kompletten Backeinzelhandel verdrängt haben. An jeder Ecke findet man mittlerweile Billigbäcker mit einem begrenzten Angebot und minderer Ware, dafür aber mit Preisen, die selbst Butter Lindner Verkäufer erbleichen lassen. Die Backstationen in den Supermärkten sind auch nur eine logische Fortführung dessen und werden in ihrem durchschnittlichen Angebot eigentlich nur getoppt von meiner heißgeliebten, türkischen Franchisekette Leckerback, die es hier in Kreuzberg zu hauf gibt und die mittlerweile sogar schon bis Mitte vorgedrungen ist. Der Name ist clever, aber nicht gerade Programm und hat mit dem eigentlichen Sortiment, das im Endeffekt nur aus pappigem Weißbrot und Zuckergussartikeln besteht, nicht viel zu tun.
Begleitend zu meinem neuen Promotionjob mache ich zur Zeit einen Vorbereitungskurs für das international anerkannte Sprachzertifikat für Englisch, dem CAE. Der Kurs findet zweimal wöchentlich im Prenzlauer Berg statt. Henry, unser Lehrer aus Brisbane, etwa Mitte vierzig, bleich und übergewichtig, ist die meiste Zeit damit beschäftigt, seine Unsicherheit mit seinem intellektuellen Sarkasmus zu kaschieren und nervt mittlerweile mehr, als dass er unterhält. Besonders wenn er bei Fragen laut und überheblich anfängt zu lachen, statt eine klare Antwort zu geben. Dadurch ist das Klima im Kurs nicht unbedingt entspannt. Mir gegenüber sitzt Sophie, eine hübsche Abiturientin aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Frankfurt-Oder, die mit ihrer natürlichen, unverstellten Art wenigstens ein gewisser Ausgleich in dem ansonsten doch eher gehemmten Kurs ist. Bisher kann ich dem Unterricht gut folgen und merke, dass die ganzen Jahre des Guckens von Filmen und Serien in der Originalversion vielleicht doch nicht völlig umsonst waren. Außerdem bekomme ich dadurch wieder etwas Druck, mich meinem Phlegma zu stellen, welches durch den Freiraum, den ich mir über Jahre geschaffen habe, mir nicht mehr so leicht von der Seite weicht. Denn bei nur zwei Tagen Arbeit pro Woche und ohne wirklich weitere Verpflichtungen, lauern die Ablenkungen an jeder Ecke. Zuviel Freiheit kann dann eben auch seine Schattenseiten haben, wobei die Einsamkeit bei mir da der stetigste Begleiter ist. Ich bin also immer noch auf der Suche nach etwas Struktur und Beständigkeit in meinem Leben, die allerdings auch weiterhin einhergeht mit meinem Streben nach totaler Unabhängigkeit und Freiheit. Zwei Gegensätze, die sich im wahren Leben nicht wirklich vereinbaren lassen und eigentlich nur in meinen Vorstellungen funktionieren.