Hybris

Hybris: (altgriech.) der Übermut, die Anmaßung

Es ist Anfang Januar und schon wieder liegt eine lange Weihnachtspromotion hinter mir. Der Kaufwahn war dieses Jahr ‚mal wieder überwältigend. Als der Saturn Wedding vor einer Woche zum fünfzigjährigen Jubiläum die Pforten auch am Sonntag öffnete und wieder mit einer Gutscheinaktion die Kunden geschickt in den Konsum lockte, hatte ich das Gefühl, es war kurz zuvor die Belagerung ausgerufen worden. Endlose Schlangen an den Kassen, überfüllte Parkhäuser, sich drängelnde Menschenmassen und jeder war sich wieder in seiner Gier und seinem Egoismus am nächsten. Selbst die kleinen Imbisse wurden überrannt und beim Bäcker war das gesamte Brotsortiment schon nach drei Stunden komplett ausverkauft. Manchmal denke ich, dass wenn man von heute auf morgen das Internet und das Fernsehen abschalten und sämtliche Einkaufscenter schließen würde, käme es zu einem Aufstand, gefolgt von einem kollektiven Wahnsinn.
Mittlerweile sind wir im Jahr 2011. Der Tiger wird so langsam müde und in ein paar Wochen steht uns ein entspanntes und harmonisches Jahr der Hasen bevor. Mein Illusionen platzen immernoch an allen Ecken und Enden und ich muss immer öfter an die Vorhersage meines Astrologen denken, der mir schon vor fünf Jahren sagte, dass mein Weltbild mit fünfunddreißig komplett zusammenfallen würde. Ein Konstellation, die auch er in seinem Horoskop hatte, als er sein Leben als saufender, herumhurender und sich ständig feiern lassender Billiardweltmeister aufgeben musste und seitdem ein geläutertes Leben als Astrologe führt. Fern ab von der Gesellschaft.
Meine Luftschlösser schweben als weiterhin davon und mir wird immer mehr bewusst, dass ich über Jahre ein völlig verzerrtes Bild von mir hatte. Der große, unentdeckte Künstler, dessen Zeit noch nicht gekommen war. Mit Anfang zwanzig funktionierte diese Selbsttäuschung noch ganz gut. Ich war mit meinen Plänen immer interessanter als das Gros der Masse, das eine Ausbildung macht oder einfach nur studiert. Den Weg bin ich nie gegangen. Sicherlich aus Angst, mit anderen konkurrieren zu müssen und vielleicht mit viel Arbeit trotzdem nur im Klassendurchschnitt zu bleiben. Ich habe dafür lieber die bequeme Schiene gewählt und mich oft davor gedrückt, eine wirkliche Prüfung abzulegen. Noch heute ertappe ich mich dabei, mich als ‚was Besseres zu fühlen. Wenn mich zum Beispiel im Markt Kunden ansprechen und fragen, ob ich ein fester Mitarbeiter bin und das, obwohl ich nun schon ein schickes Namensschild trage, auf dem vier Sprachen stehen. Ein letzter Versuch, wenigstens noch ein wenig aus der Masse herauszustechen.
Diese ständige Selbstüberschätzung resultiert wohl aus meinem nicht all zu starken Selbstwertgefühl und der Angst, nur durchschnittlich oder viel ernüchternder, sogar mit den einfachen, täglichen Aufgaben schon total überfordert zu sein, die andere einfach nur so nebenbei erledigen. Ich akzeptiere nun also so langsam, dass ich nicht unbedingt der große Superstar bin, sondern vielleicht doch eher der kleine Timmy, der lieber mit seinem leckeren Müsli gemütlich zu Hause eingemummelt Colt Seavers guckt, als draußen die Welt zu erobern.
Ursachen dafür gibt es wahrscheinlich viele. Das Karma vielleicht, das mich noch dazu gezwungen hat als Frühgeburt und ängstlicher Steinbockhase das Licht der Welt zu erblicken und nicht wie eigentlich geplant, in die Riege der mutigen Drachen aufgenommen zu werden. Einzelkind zu sein, dem all die Hoffnungen, überzogenen Erwartungen und unerfüllten Wünsche der Eltern mitgegeben werden, war da sicherlich auch nicht die beste Voraussetzung für einen selbstbestimmten Weg. Zudem meine Eltern die meiste Zeit mit sich selbst beschäftigt waren und damit, ihre Fassade der immer harmonischen Beziehung aufrechtzuhalten. Zwei narzißtische Schauspieler, die sich über Jahre immer sehr gefallen haben auf ihrem Podest des Künstlers. Der Apfel fällt gewöhnlich nicht weit vom Stamm. So habe ich ihre Rolle, wenn auch unterbewusst, ohne zu zögern angenommen und weitergespielt.
Mit dem Phänomen der Selbstüberschätzung stehe ich allerdings nicht allein da. Die meisten Menschen wollen immer mehr sein als sie sind und sehen nur selten ihr wahres Ich, nämlich eigentlich oft an Krücken gehend und damit beschäftigt, sich mit ihrer Behinderung zu arrangieren und sind eben nicht der strahlende Olympiasieger, dem alle auf die Schulter klopfen. Die gigantische Internetblase ist der beste Beweis dafür, die den sozialen Netzwerken wie Facebook den Nährboden gegeben haben. Jeder kann sich dort ein Wunschbild von sich kreieren und sucht dann ständig nach Bestätigung. Sei es durch Kommentare oder ‚Gefällt Mir‘ Klicks. Das ist ebenso wirklichkeitsnah wie die Illusion der über tausend virtuellen Freunde, die einen bestimmt nicht besuchen werden, wenn man im Krankenhaus liegt. An fing es seiner Zeit mit MySpace, einem Portal bei dem jeder seine unfertigen Demosongs hochladen und sich dann zusammen mit all seinen hinzugefügten Freunden gegenseitig suggerieren kann, der nächste große Künstler zu sein. Mittlerweile ist die eitle Blase aus der Möchtegerngemeinschaft übergeschwappt auf die Masse der Gesellschaft und erobert seitdem die ganze Welt. Der Wert von Facebook wird zur Zeit auf fünfzig Milliarden Dollar geschätzt. Selbst große Unternehmen werben inzwischen mit ihrer Facebook Seite. Was einst als kleines, lokales Universitätsnetzwerk begann, ist mittlerweile zu einer gigantischen Industrie geworden und bei der Expansion ist auch erst ‚mal kein Ende in Sicht. Das menschliche Ego ist dann wohl doch größer als gedacht. Meins mit eingeschlossen.