Theatre is Dead

Zum Leid meiner Eltern konnte ich mich nie so wirklich für das Theater begeistern und fühlte mich schon in jungen Jahren immer mehr mit dem Film verbunden. Der Grund dafür liegt sicherlich darin, dass Filme für mich eine Flucht in eine anscheinend perfekte Welt sind. Ein Ort, um meinen vom Alltag gequälten Geist zu entspannen und in meinen überzogenen Vorstellungen vom Leben zu schwelgen. Auch wenn nur für zwei Stunden. Theater im Vergleich dazu, als eher plastische, minimalistische Kunstform, war mir daher nie so zugänglich. Wobei sich das in den letzten Jahren auch etwas gewandelt hat. Mittlerweile kann ich mich vor allem für die Sprache in Theaterstücken immer mehr begeistern, besonders wenn es Shakespeare ist und dazu noch auf Englisch, wie z.B. als ich mit meinem Vater im letzten Jahr in ein Stück vom bekanntesten englischen Dramatiker im renommierten Theater Old Vic in Bristol gesehen habe. Die Inszenierung überzeugte durch ein schlichtes Bühnenbild, einfache Kostüme und ein gutes Ensemble im klassischen Kammerspiel. Das war letztes Jahr. In England. Im Februar wollte ich meine Mutter zum Geburtstag überraschen und hatte ihr zwei Karten für das Stück ‚Die Nadel der Kleopatra‘ im neu eröffneten Schloßparktheater gekauft. Sicherlich nicht ganz selbstlos, da ich wußte, dass Cosma Shiva Hagen mitspielte, die ich noch aus meinen Praktikumszeiten beim Film kannte, als sie dort in der Literaturverfilmung von Erwin Strittmatters‘ ‚Der Laden‘ ihre erste große Rolle spielte und ich ‚mal wieder einen meiner Highschool Crushs hatte. Die Karten waren nicht gerade geschenkt, dafür aber die Inszenierung, die wirkte wie eine bessere Schultheateraufführung. Da hilft dann auch das Prädikat ‚Broadway Adaption‘ nicht viel.
Am letzten Sonntag war ich nun mit meinem Vater in der neuen Inszenierung von Frank Castorf in der Volksbühne. ‚Der Kaufmann von Berlin‘ von Walter Mehring. Neben Kurt Tucholsky einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Ein Stück, das sich grob mit der Inflation und dem Antisemitismus in den zwanziger Jahren beschäftigt. Sicherlich ein interessantes Thema, nur dass Castorf daraus eine sarkastische Nummernshow gemacht hat. Elaborierte, lange Dialoge, die in ihrer Absurdität oft an die frühen Monty Python Sketche aus den siebziger Jahren erinnerten, aber kein vierstündiges Theaterstück füllen, geschweige denn tragen. Wenn die Schauspieler nicht gerade ihren Text vergaßen, wurden die Dialoge nur geschrien, was wirkte wie ein hilfloses dramaturgisches Mittel, um die Spannung zumindest ein wenig zu halten. Die Souffleuse hatte auf jeden Fall gut zu tun. Vielleicht hätte sich der Regisseur mehr auf die Geschichte konzentrieren sollen, statt das Stück im überstilisierten MTV Look in Szene zu setzen. Viele der Zuschauer gingen schon während der ersten Hälfte, einige hielten dafür aber noch wacker bis zur Pause durch. Als auch wir dann nach den ersten zwei Stunden zum Ausgang eilten, füllten sich währenddessen schon die Schlangen vor der Garderobe. Castorf selber scheinen die Verisse seiner letzten Aufführungen nicht wirklich zu stören und er macht auch keinen Hehl daraus. Wie er in einem seiner Interviews sagte, braucht er weiterhin noch Geld für das Studium seiner Kinder und wird scheinbar als Intendant der Volksbühne so schnell nicht vom Fleischtopf weichen.
Der Altersdurchschnitt des Publikums bei beiden Vorstellungen lag bei weit über fünfzig. Es scheint also, dass die Theaterabbonementgeneration so langsam ausstirbt, da es nicht mehr die Muße gibt für lange Inszenierungen und wenn dann eher für Aufführungen im klassischen Stil als für konstruierte Neuadaptionen. Die jungen Leute suchen heute stattdessen lieber die kurzweilige Unterhaltung in Form von Poetry Slams oder Stand-Up Comedy Shows. In Zeiten, in denen der Direct Download und das Streamen von Filmen im Internet immer mehr zum Kulturgut wird und selbst die Videotheken ums Überleben kämpfen müssen, wird das Theater in den nächsten Jahren wohl immer mehr zu einer Nischenunterhaltung werden. Da schaffen leider auch die zunehmenden, selbstgefälligen Inszenierungen keine Abhilfe.