Fading Bunny Rite

Am Donnerstag habe ich mich ‚mal wieder ins Kino gewagt. Genauer gesagt ins Cinestar am Potsdamer Platz. Das Kino, in dem alle Filme in der englischen Originalversion laufen. Dadurch sieht man besonders im Sommer immer viele Touristen aus aller Welt, die dort oft nach einer langen, ermüdenden Stadtbesichtigung eine Oase der Ruhe finden. Also ein idealer Ort, um all seine unzähligen Eindrücke zu verarbeiten und seinen Geist für ein paar Stunden zu entspannen und zudem eine gute Alternative zu den überklimatisierten, sterilen Hotelzimmern, die dann abends oft auf einen warten. Diesmal war ich allerdings nicht allein da, sondern mit Filipo, meinem treuen Weggefährten und Hasenbuddy. Da die Eintrittskarten zur klassischen Abendstellung um zwanzig Uhr meistens komplett ausverkauft sind, besteht unser nun schon jahrelanger Brauch darin, uns um halb neun vor dem Kino zu treffen, dann Karten für die dreiundzwanzig Uhr Vorstellung zu kaufen und vorher noch eine Pizza Bruschetta bei Vapiano zu essen. Die Schlangen vor den einzelnen Bestelltheken dort waren wieder erdrückend und es wurde klar, dass der Erfinder mit dem Konzept von besserem, italienischen Fastfood sich inzwischen eine goldene Nase verdient haben muss. „Chi va piano, va sano“ oder auch „Chi vende self-service pizza, diviene ricco.“
Dort kamen wir dann mit drei jungen Studentinnen aus einer schwäbischen Kleinstadt ins Gespräch, die sehr verdutzt guckten, als wir ihnen ihre Studienrichtung auf den Kopf zusagten. Am sympathischsten war, die als einzige nicht rauchende, Lisa, die mit ihren blonden Haaren und Maschara betonten Augen auch die hübschste war. Die, die am meisten sprach, war auch die unspannendste von allen und auch nur zu dem Punkt zu ertragen, an dem sie uns groß erklärte wie hässlich und langweilig sie doch Berlin im Vergleich zu Tübingen findet. Uns standen daraufhin natürlich die Münder offen und das nicht nur, weil wir weiterhin unermüdlich unsere leckeren Pizzen mampften. Als diplomatische Hasen verkniffen wir uns natürlich jeglichen beißenden Kommentar und dachten daraufhin nur: „Baby, Leute wie dich wollen wie hier auch gar nicht haben!“
Nach dem kurzen Zusammentreffen mit west-deutscher Kleinstadtignoranz ging es wohlverdient weiter zur Eisdiele in den Potsdamer Arkaden, bevor es dann zum Höhepunkt des lang geplanten Abends kam: Inception. Nach zwanzig Jahren intensiven Filmguckens ist unsere Messlatte und Erwartungshaltung natürlich stetig gestiegen und so kam es auch nur nach langem Überlegen und Abwägen, welchen Film wir nun anschauen sollten, dazu, dass wir uns für das neue Werk vom englischen Filmemacher Christopher Nolan entschieden haben. Jemand, der schon Klassiker wie The Prestige und The Dark Knight gedreht hat. Leider war das einzig Lobenswerte an dem Film das Spiel von Leonardo DiCaprio, der seit er die dreißig überschritten, nun auch sein Jünglingsimage hinter sich gelassen hat, immer mehr in all seinen Rollen überzeugt. Die restliche Besetzung mit Schauspielern wie Ken Watanabe, Tom Hardy, Cillian Murphy und Michael Caine war zwar auch gut, konnte das mit Spezialeffekten hochstilisierte, schwache Drehbuch allerdings nicht wirklich tragen. Enttäuschend waren auch die Darbietungen einer überforderten Marion Cotillard und der unerträglich eitlen und immer schön und apart wirkend wollenden, Juno Darstellerin Ellen Page. Wieder ein Beleg dafür, dass Hollywood so langsam die junge, weibliche A-Garde ausgeht. Außer Charlize Theron, Liv Tyler und Scarlett Johansson fallen mir da nicht wirklich viele Schauspielerinnen ein, die den Hiatus zwischen fünfunddreißig und fünfundfünfzig auch ohne Botox und Dauerdiäten überbrücken können.
Wir hatten jetzt also beide wieder einmal acht Euro für einen durchs Marketing hochgepushten, schlechten Film verballert. Das passiert mir in der letzten Zeit immer öfter. Eigentlich kann ich mich an keinen guten Film erinnern, den ich zuletzt gesehen habe. Ich habe das Gefühl, dass das Niveau der Filme in den letzten Jahren extrem gesunken ist. Quantität hat inzwischen die Qualität abgelöst. Wenn in den 90er Jahren noch drei neue Filme pro Woche veröffentlicht wurden, sind es mittlerweile mindestens zehn, von denen zwei direkt in den Videohandel gehen. Die Fluktuation ist immens. Dazu werden begleitend zum Film Millionen mit DVD Veröffentlichungen und Videospielen verdient. Merchandise wie dem Verkauf von Spielzeugen und T-Shirts inklusive. Aus einer Millionenindustrie ist eine Milliardenindustrie geworden. Ob man nun James Cameron’s Avatar nimmt, der über eine Milliarde Dollar eingespielt hat oder Mel Gibson’s The Passion of the Christ, der vor zwanzig Jahren ein besserer Fernsehfilm geworden wäre, aber mit einem Gesamtumsatz von sechshundertzwölf Millionen Dollar der erfolgreichste DVD Film aller Zeiten ist. Bei so einem großen Output an Filmen müssen natürlich die Ideen leiden. Die Genügsamkeit der Menschen ist erstaunlich, aber da Film immer mehr zur einer Dauerablenkung einer sozialkranken Gesellschaft wird, ist den meisten egal, was sie sehen. Hauptsache es läuft irgendetwas. Am meisten, finde ich, leidet das Komödiengenre. Wenn es früher noch Filme wie The Life of Bryan, My Cousin Vinny oder My Blue Heaven gab, werden heute nur noch Filme am Reißbrett produziert, die für mich aufgrund ihrer vulgären Kalauer mittlerweile schon ein eigenes Genre formen: die Lowbrainer. Diese werden inzwischen sogar schon für Filmpreise (The Hangover) nominiert, weil es einfach nichts Besseres mehr gibt. Traurig, aber wahr. Mit dem schleichenden Untergang der guten Filme, schwindet nun auch mein Ritus, genüßlich einmal im Monat in die heile Welt des Kinos abzutauchen. Wieder eine Illusion, die platzt und wieder ein weiterer Schritt des Erwachsenwerdens.