Snowland

Der Winter hat uns dieses Jahr einmal wieder voll im Knebelgriff. Die Straßen sind vereist und die Gehwege voller Schneeberge. Ich muss sagen, dass ich einen verschneiten, milden Januar einem nasskalten, verregneten Januar vorziehe und freue mich vor allem für die Kinder, die endlich einmal wieder rodeln und Schneemänner bauen können. Ich habe mich in einem schwachen Moment dazu verleiten lassen, mich dieses Jahr wieder ins Schneemobil zu setzen, um abends, wenn alles ruht, den Bedürftigen des Morgens, den Weg zu bahnen. Es ist schon ein erfülltes Gefühl, einen Dienst an der Allgemeinheit zu leisten. Das Ganze fordert natürlich auch seinen Tribut, nämlich jeder Zeit auf Abruf zu sein und wenn gefordert, sich nachts bei Minusgraden und eisigen Windböen, wenn sich alle mit einer heißen Schokolade zu Hause eingemummelt haben, um gemütlich bei Kerzenschein in ihrem Lieblingsknautschsessel Harry Potter zu lesen, in den Schnee stürzen zu müssen.
Bis jetzt hatte ich fünf Einsätze, was ganz passabel ist, wenn ich bedenke, dass die Mechaniker auf dem Betriebsgelände in Marienfelde, bei dem ich immer meinen Ladog abhole, schon seit über drei Wochen ununterbrochen im Einsatz sind. Das merkt man auch schon an der leicht gereizten Stimmung, wenn sie wieder um vier Uhr morgens die Fahrzeuge beladen müssen. Ich probiere sie dann oft aufzumuntern, was aber nicht wirklich funktioniert, wenn ich völlig euphorisch in das Büro komme und jubele: “Schneedienst! Yeah! Ist mein Auto schon fertig?“ “Nee, in fünf Stunden vielleicht.“ “Oh, hier ist ja wieder ’ne gute Stimmung.“ “Was erwartest du? Immer die gleiche blöden Fragen. Natürlich haben wir keinen Bock. Wir hassen unseren Job und du doch auch?!“ “Nee, eigentlich mag ich meinen Job.“ Das gießt dann allerdings noch mehr Öl ins Feuer und das ist nicht gelogen. Wenn ich sonst oft stundenlang zu Hause vor dem Rechner sitze, ist so eine nächtliche Tour an der frischen Luft eine willkommene Abwechslung. Zumal einen viele Leute mit einem Lächeln begrüßen, wenn man ihre Einfahrt vom tiefen Schnee befreit und die vereisten Wege zu den Mülltonnen streut. Es war natürlich nicht immer so entspannend. Als ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal den Pakt mit dem Schneedienst Teufel schloss, war es alles andere als lustig. Mein Streufahrzeug war ein alter Unimog, bei dem man den Gang nur mit beiden Händen schalten konnte. Da war nichts mit entspannter Hydraulikschaltung. Zudem musste ich mir die ganzen verwinkelten Straßen irgendwo im Niemandsland mühsam per Stadtplan heraussuchen. Heute hat man ein Navigationsgerät im Auto, in dem die gesamte Tour voreingestellt ist. Man gibt anstelle einer Adresse nur noch eine Nummer für jedes Grundstück ein. Das ist bei mehr als vierzig Grundstücken pro Tour auf jeden Fall ganz hilfreich. Aber das Beste ist, dass die Streufahrzeuge funktionieren und nicht mitten in der Nacht stehen bleiben oder in Flammen aufgehen, wie ich es einmal erlebt habe, als ich auf dem Betriebshof von ‚Coca Cola‘ meine Schneebahnen zog und als ich in den Rückspiegel sah, plötzlich riesige Stichflammen aus dem Motorraum kamen, da die unisolierte Benzinleitung Feuer gefangen hatte. Ich stürzte daraufhin aus dem Auto und löschte mit einigen gezielten Schneeballwürfen das lodernde Feuer. Im ersten Jahr meines Winterdienstes hatte ich nur vier Einsätze, was bei einer Pauschale von damals viertausend D-Mark kein schlechter Deal war. Also wann immer ihr nachts frierende Studenten in ihren kleinen, verrosteten Räumfahrzeugen an euch vorbeirauschen seht: So schlecht ist ihr Job nicht.
Kreuzberg rockt. Ich wohne jetzt schon seit vier Wochen im coolen, bohèmen Stadtteil Berlins. Ich hätte nie gedacht, dass Bezirke so ein unterschiedliches Flair haben. Nach zwölf Jahren gediegenem Charlottenburg, bei dem der Altersdurchschnitt bei Anfang fünfzig liegt und ich der gesättigten Alt-68er und Biohausfrauen so langsam überdrüssig war, ist der Bergmann Kiez eine schönes Gegenprogramm. Es ist halt alles etwas kantiger und dreckiger, aber dabei mit Charme. Der Altersdurchschnitt liegt dafür hier bei Mitte Zwanzig und der Frauenanteil bei achtzig Prozent. Inzwischen habe ich schon ein paar Lieblingslokale gefunden. Die ‚Mokkabar‘, die durch ihr gemütliches Ambiente gerade im Winter sehr einladend ist. Dazu ist die Küche auch sehr lecker. Oder das ‚Sesam‘, ein arabisches Diner, bei dem die Besitzer selbst nach Jahren im Exil immer nur radebrechend deine Bestellung entgegennehmen, was dann auch schnell Raum für Kalauer gibt. “Den Falafel mit Scharf?“ “Nee, vegetarisch, bitte!“ Es gibt natürlich auch andere Läden, die allein schon durch ihren Namen auffallen. ‚Schrottis Inn‘ und ‚Ficken 3000‘ sind da auf jeden Fall unter meinen Favouriten. Da denke ich dann immer gleich an einen ‚das kleine Arschloch‘ Cartoon von Walter Moers. “’Chetz Pierre‘? Was ist denn aus Mathilde’s Schaschlikbunker geworden?“