Smile Like You Mean It

Im Oktober habe ich spontan zwei Jobs als Host hereinbekommen. Host heißt im Veranstaltungsplanungsneudeutsch soviel wie Betreuer. Klingt natürlich cooler und viel professioneller. Ähnlich wie ‚Venue‘ und ‚Hospitality Desk‘. Diese eingedeutschten Begriffe kenne ich aus meinem Job als Propagandist, in dem ich ‚gebrandet‘ durch ‚Sampling‘ und ‚Give-Aways‘ am ‚POS‘ (Point of Sale) Produkte ‚promote‘. Als Host macht man nicht wirklich viel. Eigentlich steht man nur herum und sieht dabei gut aus. Also der perfekte Job für einen gechillten Hasen. Ich mag die Jobs, da ich so immer mit Menschen jeden Alters und aus allen Schichten und Berufsfeldern zusammenkomme. Was leider oft einhergeht mit der Arbeit sind die hektischen, immer völlig überforderten weiblichen Koordinatoren, bei denen man immer das Gefühl hat, man ist in einem NASA Projekt eingebunden, dass minutlich Millionen kostet und von dem die Existenz der gesamten Menschheit abhängt. “Muss der Kunde nicht einfach nur von Ort A nach B gefahren werden?” “Es ist doch egal, ob der der Bus 10 Minuten später ankommt. Die Veranstaltung beginnt erst in vier Stunden?” “Der Kunde kann doch zur Not auch ein Taxi nehmen?” sind Fragen, die mir dann oft durch den Kopf gehen, wenn ich wieder einmal von Pontius zu Pilatus gescheucht werde, nur um das überzogene Budget zu rechtfertigen. ABM Jobs sind nicht viel anders. Nur schlechter bezahlt.
Die erste Veranstaltung war die jährliche Betriebsfeier von der Kosmetikfirma Wella, die jedes Jahr in einer anderen europäischen Hauptstadt stattfindet. Diesmal eben in Berlin, genauer gesagt in den Hangars des stillgelegten Flughafen Tempelhof. Die Veranstaltung selber war nur ein Tag lang. Der Auf- und Abbau dafür dauerte allerdings eine ganze Woche. Dafür wurden sogar komplette LKWs und Techniker Teams aus England eingeschifft. Die Veranstaltung muss mindestens eine Million Euro gekostet haben und das ist nur grob geschätzt. So schlecht kann es also um die Wirtschaft nicht bestellt sein. Meine Aufgabe war es morgens die Model und Stylisten Teams vom Hotel zur Probe im Flughafen zu begleiten. Teilweise waren es wieder sehr surreale Momente. Besonders wenn ich früh in der Hotellobby stand, umgeben von den typischen schlurfigen Hotelmitarbeitern und dann plötzlich scharenweise Models aus dem Fahrstuhl kamen. Der Look hat sich in den letzten Jahren nicht besonders verändert. Langbeinig, schlank mit Kurzhaarschnitt und androgyn. Alle immer gestylt mit Designer Sonnenbrillen, die man gerade in den winterlichen Morgenstunden natürlich auch dringend braucht. Am Coolsten waren die Asiaten, die eh immer gut aussehen und wohl ähnlich wie die Italiener schon mit Gucci Brille geboren werden. “Oh, my God it’s a baby! With shades.” Nun es gibt härtere Jobs als sich mit gut aussehenden, jungen Mädchen zu umgeben. Wenn da nur nicht die dicken, verbauten Festangestellten von Wella gewesen wären, die anscheinend anstelle einer schwarzen Sonnenbrille mit einem dicken Stock im Arsch geboren wurden und so ständig die perfekte Idylle störten. Die Arroganz der Langweiligen halt. Die sicherlich innerlich auch spüren, dass sie langweilig sind. Trotz eines Riesen Aufgebots an Models, bekannter VJs, DJs und Topstylisten schob keiner von denen einen Dicken. Nur am letzten Tag war es auch meine Aufgabe die Sängerin Sophie Ellis-Bextor, die als Überraschungsgast für die Show eingeplant worden war, zum Flughafen zu begleiten. Die war nun alles andere als entspannt. Bevor ich mit ihr überhaupt sprechen konnte, musste ich mich durch eine Entourage von Assistenten schlagen, von der Betonwand, die sie umgab einmal ganz abgesehen. Als Hase ohne Berührungsängste steht man da auf schweren Posten. Vielleicht brauchte sie dieses Aufgebot an Wichtigkeit, um ihre hohe Gage zu rechtfertigen, denn soviel hat sie in den letzten Jahren auch nicht gemacht. Ein guter Kontrast zu den Starallüren einiger Gäste sind die gemütlichen, berlinernden BVB Busfahrer, die nie aus der Ruhe zu bringen sind und immer trockene Sprüche heraushauen. “Die Amis jeben eigentlich nie Trinkjeld und wenn, dann kriegste nur so ‘nen abjelutschten Dollar, der eh nichts mehr wert is.” Die Show selber war nicht sehr überzeugend. Irgendwie kam in den großen, kalten Hallen keine wirkliche Stimmung auf. Professionalität und Geld reichen dann anscheinend nicht aus, um eine gute Party zu machen.
Der zweite Job war dann schon interessanter und zwar war ich da als Transfer Host bei den MTV Music Awards eingesetzt. Die meiste Zeit war ich in der Lobby vom ‚Adlon‘. Es kam mir teilweise vor wie in einem Wachsfigurenkabinett, in dem die Figuren zum Leben erwachen. Ob nun Hans-Friedrich Genscher, der immer noch so aussieht wie vor zwanzig Jahren oder der gesättigte, Promi geile Wowereit, der sich es natürlich nicht nehmen ließ, U2 live vor dem Brandenburger Tor zu erleben und bestimmt auch noch vorher persönlich zuzutexten, nachdem er auch schon Matt Damon vor ein paar Jahren belagerte hatte, als der für Dreharbeiten für die Fortsetzung von der ‚Bourne Identität‘ in Berlin gewesen war. Ich habe es leider um Minuten verpasst, meine Helden der Jugend einmal in persona zu sehen, als diese durch die Hotellobby zischten. Schade. Wenigstens konnte ich danach die Verleihung sehen, die sehr fett war.