Tel Aviv

Der nasskalte Dauerregen und die frühen Abende in Berlin gingen mir in den letzten Wochen doch ganz schön auf den Sack. Daher war ich super glücklich, schon vor drei Wochen einen Flug nach Tel Aviv gebucht zu haben, um mich mit Ruth und Ella, die ich an einem Abend in Delhi kennengelernt hatte, zu treffen. Ich ahnte schon, dass das Wetter hier besser sein würde, allerdings nicht, dass es jeden Tag wolkenloser Himmel und dreißig Grad wären. Da ich mit Tui gebucht hatte, dauerte meine Abwicklung im Security Check in Tegel nicht länger als sonst. Wer sich allerdings gern lang am Flughafen aufhält, sollte mit der israelischen Fluglinie El Al von München aus fliegen. Dort kann die Kontrolle bis zu zwei Stunden dauern. Man spart dafür hundert Euro und bekommt das volle Sicherheitsprogramm mit endloser Befragung, pedantischer Gepäckkontrolle, Leibesvisitation und Pinselabstrichen vom Turnschuh, um mögliche Sprengstoffreste festzustellen. So hat es zumindest Barbara, eine Sozialpädagogin aus München berichtet, die mit mir im gleichen Backpackers in Tel Aviv abgestiegen war.
Der Flug war kurzweilig. Vier Stunden mit frischem Essen und Getränken bis zum Abwinken, obwohl sich meine Beine über etwas mehr Bewegungsfeiheit gefreut hätten. Im Flugzeug selbst bekam ich gleich einen guten Eindruck von dem kulturellen Unterschied zwischen Deutschland und Israel. Rechts von mir saß ein gemütliches Rentnerehepaar aus Weimar, das eine Pauschalreise gebucht hatte und sich immer das volle Pensum an Getränken hat servieren lassen. „Kaffee komplett, ein Wasser und einen Orangensaft, bitte!“ Und links, eine Reihe vor mir, war eine israelische junge Frau in engen Jeans, Cowboystiefeln, mit streng gebundenem Zopf und Lederjacke, die jedesmal, wenn ich zu ihr ‚rüberlächelte eine coolen Schmollmund machte und die meiste Zeit damit beschäftigt war, den Fotordner mit ihrer Katze zu durchforsten, die wiederum auch als Bildschirmhintergrund auf ihrem Notebook zu sehen war. Da Shabbat war, als ich in Tel Aviv ankam, fuhren nur private Sammeltaxen und Privatleute, die sich schnell und steuerfrei ein paar Schekel dazuverdienen. So auch mein Fahrer, etwa Ende zwanzig, gestylt, mit einem nach Kokos riechenden, getuntem BMW mit Sportledersitzen und die ganze Fahrt über am Handy. Natürlich wollte er zuerst fast den doppelten Preis haben, hatte aber nicht mit dem Ricksha erfahrenen, hartgesottenen Ebay Dealer gerechnet. Ich zahlte daraufhin schließlich nur hundertfünfzig Schekel, was für ihn immernoch ein guter Preis war und er sein Taschengeld für die bevorstehende, lange Club Nacht zusammen hatte. Die Straßen waren verhältnismäßig leer und es dauerte nicht lange, da war ich schon im Hostel in Old Jaffa, einem alten arabischen Ort, direkt neben Tel Aviv gelegen, in dem ich mich an dem Abend mit Claude traf, der schon eine Woche vor mir ins gelobte Land gereist war. Das Backpackers war einfach, aber gemütlich und mit Blick auf den alten Flohmarkt. Leider aber auch überfüllt mit Deutschen, die man hier neben Amerikanern überall sieht. Nun gut, bei nur sieben Millionen Einwohnern und nur ein paar größeren Städten kann man sich auch nicht wirklich aus dem Weg gehen. Tel Aviv wirkt ein bißchen wie Mallorca für coole Individualtouristen.
Der erste Tag war sehr intensiv. Vormittags waren Claude und ich am Strand, der unmittelbar neben einer Hauptverkehrsstraße liegt. Was ein krasser Kontrast war. Vor einem die unendliche Weite und Stille des Mittelmeers und hinter einem der nie endende Baulärm der Stadt, eingehüllt in einen süßlichen Uringeruch. Am Ufer sangen Mädchenschulgruppen in Uniform, die in ihrer heiteren Gelassenheit noch eine jugendliche Leichtigkeit und Unverdorbenheit austrahlten und eben noch nicht Handy und I-Pod verseucht, autistisch vor sich hingammeln, wie es man es heutzutage bei uns oft sieht. Bei uns kamen gleich die ganzen ‚Eis am Stiel‘ Erinnerungen hoch, nur das wir diesmal die Hände in den Hosentaschen behielten. Tel Aviv wirkt vom Look wie Neukölln oder Wedding. Alles sieht etwas improvisiert aus. Teilweise gepflegt, teilweise aber auch ganz schön zugemüllt. Da helfen auch nicht Schilder am Strand wie: ‚The Entrance for Animals is Forbidden.‘
Zwischen den ganzen kleinen Gemischtwarenläden findet man vereinzelt kleine Cafés und die typischen mediterranen Diner, in denen es vorwiegend Humus in Brot, mit oder ohne Fleisch, gibt. Das Ganze in der Regel auch kosher. Ich habe mich als Vegetarier inzwischen aufs Frühstück mit Omelett eingeschossen, das aus selbstgebackenem Brot, frischem Salat und Obst besteht. Dazu gibt es dann entweder selbstgemachte Limonade mit Minzblättern oder frisch gepressten Granatapfelsaft.
Abends haben wir uns dann mit Ruth und Ella getroffen. Der Abend war okay, aber nicht der Hammer. Vielleicht hätten wir uns mit den beiden allein treffen sollen und nicht mit ihren Revier absteckenden Freunden. Gerade Eitan, Ruths Freund war ziemlich unentspannt und ließ sich nicht nehmen, mich anfangs ständig in die tumbe, deutsche Ecke zu drängen und sich dabei ganz schön zum Löffel machte. Zum Glück waren auch noch Misha, der Freund von Ella und Alexei, ein Freund von Eitan, da, die weit aus lockerer waren. Misha, der auch an der gleichen Schule wie Ruth und Ella Popmusik studiert, hat mir gleich erzählt wie schwer es ist, den zweijährigen Pflichtwehrdienst nach dem Schulabschluss, der für Männer und Frauen gleich ist, zu umgehen. Über sechs Monate musste er die Arbeit verweigern und Depressionen vortäuschen, bevor man ihn hat gehen lassen. Das Militär hat in Israel einen hohen Stellenwert. Überall im Land sieht man Soldaten, Teenager mit Maschinengewehren, Frauen mit Magazinen am Gürtel, Armeebasen und militärische Übungsplätze. Das ist auch nicht besonders verwunderlich, da Israel im Endeffekt als ein großes Militärcamp anzusehen ist, das sich seit seiner Gründung 1948 vor seinen Nachbarländern schützt. Aus diesem Grund sind die größeren Städte auch nicht gewachsen, wie man es vom restlichen Europa her kennt, sondern wirken, abgesehen von einigen alten Fischerdörfern, wie eine Anhäufung von Siedlungen. „In Israel nothing was planned. Everything just happened.“ meinte Alexei, als er uns mit dem Auto zurück nach Jaffa fuhr. Die Grundstimmung hier ist zwar entspannt, vor allem auch durch die oft menschenleeren Straßen und endlosen, kargen Steppen, trotzdem liegt immer eine gewisse Unruhe in der Luft, die gefüllt ist von verdächtigen Blicken. Es ist sicherlich auch schwer zu entspannen, wenn sich jede Minute wieder ein fremdgeleiteter Jugendlicher ins muslimische Paradies sprengen kann.

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