Jaipur

Bin gerade wieder zurück aus Jaipur, dem Mekka für Textilien, Teppichen und Edelsteine. Die Zugfahrt dorthin dauerte knapp sechs Stunden. Ich hatte wieder einen bequemen Fensterplatz im previliegierten Air Condition Abteil und es gab vegetarisches Essen mit Tee. Den Service bekommt man allerdings nur in den Schnellzügen, die die Großstädte verbinden. Ich möchte nicht wissen, wie lange die dreihundert Kilometer Fahrt mit einem gewöhnlichem Zug dauern würde. Mein Ticket kostete umgerechnet €8,- und das ist schon die absolute Luxusklasse. In den teuereren Abteilen fahren vorwiegend Geschäftsleute, Touristen und die reichen Kasten. Neben Hupen lieben die Inder eins und das ist Spucken. Aus dem Auto, aus der Rickshah, beim Laufen. Egal wo, jeder spuckt. Aus diesem Grund findet man auch auf allen Bahnhöfen ‚No Spitting‘ Verbotsschilder. Wenn ich allerdings bedenke, dass viele in Indien direkt aufs Gleis pinkeln und kacken, finde ich, dass spucken das geringste Problem hier ist. Aber irgendwo muss man wohl anfangen.
Vorbei an Slum ähnlichen Siedlungen und alten Dörfern, die sich ewig hinziehen, bekam ich auf meiner Zugfahrt wieder viel zu sehen. Angefangen von Schafshirten, Traktorfahrern, Bauern, die ihr Land bestellen, bis hin zu Dorfjugendlichen, die Mopedralleys fahren. Viele Eindrücke erinnern mich sehr an meine DDR Kindheit auf dem Land, in der die Welt noch heil war, solange man Mitglied der LPG war und nicht weiter reisen wollte als bis zur nächsten Kreisstadt. Vor allem die Solidarität untereinander, die einfachen Kneipen, die süßliche Limonade und die mit Chreme gefüllten Billigkekse, die es an jedem Kiosk zu kaufen gibt.
Obwohl mit nur zwei Millionen Einwohnern wirkt Jaipur noch vollgestopfter und hektischer als Delhi. Der Verkehr ist viel chaotischer und das Hupen weitaus penetranter. So langsam bekomme ich das Gefühl, dass das Dauerhupen ein Ventil für aufgestaute Aggressionen ist. Alle fahren wie die Wahnsinnigen. So auch Kan, mein Rickshah Fahrer für den Tag. Selbst wenn man in einer Stadt in Indien nicht viel gesehen bekommt, ist allein die Rickshah Fahrt ein Abenteuer. Er war auch gleich bemüht mir alle Tempel Jaipurs zu zeigen. Indische Frauen mit inbegriffen. „Do you want to sex an Indian Girl? We can sex her together.“ war eine seiner ersten Fragen. Ich war ganz froh, die Ménage à trois mit meinenm Rickshah Fahrer auf ein anderes Mal verschieben zu können. Wir sind dann als erstes in die ‚Pink City‘ gefahren. Das ist der alte Stadtkern, der vorwiegend aus pinken Häusern besteht. Danach ging es direkt in die ‚Mughal City‘, den Teil der Stadt, in dem es alle möglichen Textil- und Teppichmanufakturen gibt, die aufgrund ihres guten Rufes in ganz Indien vertrieben werden. Die meisten Arbeiter in den Manufakturen sind Waisenkinder und Witwen, die sich ansonsten nicht allein finanzieren könnten. Wir waren dann auch in zwei Manufakturen. Am spannendsten fand ich die Teppichfabrik mit mehr als eintausenzweihundert Angestellten, die von zu Hause aus arbeiten. Für die, die es interessiert, hier die sieben Schritte bis zur Fertigstellung eines handgewebten Teppichs: 1. Das Design. 2. Das Färben der Wolle/Seide mit Naturfarben. 3. Das Weben. Ein Square Inch (2,54 cm²) kann bis zu 288 Knoten (Wolle) und 1200 Knoten (Seide) haben. Das Weben eines 1,20m x 1,80m Lammwollteppichs dauert ungefähr sechs Monate. Insgesamt gibt es drei mögliche Materialien: Kamelwolle (grob), Lammwolle (fein) und Seide (sehr fein). Die Qualität eines Teppichs besteht daher aus der Anzahl der gewebten Knoten und des Materials. 4. Das Waschen mit Seife und Glätten mit Holzruder. 5. Das Bleichen, um den Teppich zu entkeimen. 6. Das Trocknen. 7. Das Feinschneiden, das bis zu drei Wochen dauern kann. Es ist mit die anspruchvollste Arbeit, da ein einziger zu tiefer Schnitt den Wert des Teppichs mindern kann. Die Teppichfabriken werden vom indischen Staat unterstützt. Das Material ist kostenlos und alle Waren sind steuer- und portofrei. Zudem zahlt der Staat für Essen, Unterkunft und Bildung. Die Subventionierung ist auch dringend notwendig, da die Manufakturen ansonsten nicht überleben würden. Ein 1,20m x 1,80m Teppich kostet umgerechnet dreihundert Euro. Das ist selbst für indische Verhältnisse sehr wenig Geld. Mit anderen Worten eine gute Ebay Nische. Da Einheimische nicht gerade zum festen Kundenstamm gehören, ist natürlich jede Fabrik bemüht, jedem Tourist etwas zu verkaufen. Alle ziehen da am selben Strang. So sind die Stadtrundfahrten in Indien vergleichbar mit Butterfahrten in Bussen, in denen es Rheumadecken zu kaufen gibt. Nur das es hier stattdessen Teefahrten in Moped Rickshahs sind, bei denen es Teppiche zu kaufen gibt. Diesmal war ich allerdings standhaft und konnte beide Händler davon ueberzeugen, dass ich weder indische Bettwäsche, noch einen Wohnzimmerteppich brauchte. Kan, mein sympathischer Fahrer, vierundzwanzig Jahre alt, Analphabet und aus armen Verhältnissen kommend, arbeitet wie viele Inder sieben Tage die Woche und finanziert damit allein sein Familie. Er spart schon seit einigen Jahren auf seine eigene Rickshah, damit er die tägliche Miete von 300,- Rupien sparen kann. Insgesamt braucht er 50.000 Rupien, das entspricht ungefähr €900,-. Wenn ich bedenke, wieviel Geld ich schon in meinem Leben verprasst habe, wird mir ganz flau im Magen.
Unsere Letzte Station an dem Tag war ein Guru und Heiler. Bei ihm angekommen nahm er meine Hand und kannte daraufhin mein Leben. Erkenntnisse für die ich über dreiundreißig Jahre gebraucht habe. Ängste, Erfahrungen, körperliche Schwächen und Begabungen. Meine Familie mitinbegriffen. Es ist schon etwas unheimlich, wenn jemand in deine Seele schaut und dich innerhalb weniger Minuten liest wie ein Buch. Als ich ihn nach meiner Bestimmung in diesem Leben fragte sagte er nur: Creativity and Charity with Children. Und meinte weiterhin: „You need to think less and follow your heart.“. Als ich ihn fragte, ob er auch in Europa Workshops gäbe, erzählte er mir, dass er oft in Kanada sei und in zwei Wochen zum ersten Mal in England, Bristol einen Workshop geben werde.
Während unserer kleinen Stadtrundfahrt sind immer wieder Menschen auf mich zugekommen, um mir die Hand zu geben oder ein Foto mit mir zu machen. Man glaubt es zwar kaum, aber trotz der günstigen Flüge, sind Europäer in Indien immer noch eine Seltenheit. Aus diesem Grund werde ich auch regelmäßig angestarrt, besonders auf Bahnhöfen. Die meisten Touristen kommen aus Frankreich, Spanien, Deutschland, Engand, Amerika und Japan. So auch in dem Hotel, in dem ich war. ‚The Pearl Palace‘. Ein sehr gemütliches, gepflegtes Zwei-Sterne Hotel, in dem ein Zimmer mit Bad weniger als zehn Euro pro Nacht kostet. Zudem gibt es ein Restaurant auf dem Dach mit Blick auf die Stadt. Das Essen war sehr lecker. Vor allem das Frühstück, das mit Honig Porridge und frischem Obstsalat eine schöne Abwechslung zu der Chemie Marmelade mit altem Toast im YMCA war. Die Speisen waren so günstig, dass ich immer glaubte, es wäre ein Schreibfehler in der Karte. Fast alles war unter einem ein Euro. Trotzalledem muss ich das erschreckende Fazit ziehen, dass die indische Küche nicht besonders ist. Die Inder haben es einfach nicht drauf. Alles ist zerkocht und getränkt in einer scharfen Currysauce. Mit anderen Worten: Alles schmeckt gleich. Mittlerweile vermisse ich hier wirklich meine Schwarzbrot-Käsebrote und mein Kölln Vollkorn-Früchte Muesli in kalter Milch. Nicht zu vergessen die Vollmilch-Nuss Schokolade von Lidl und die Pink Lady Äpfel von Morissons.
Der Abend im Hotel war entspannt. Ich habe Erin und Gwen, die beiden Amerikanerinnen aus Reno wiedergetroffen, die auf dem Weg sind, ihren Chef bei seiner Familie in Mumbai zu besuchen. Am zweiten Tag bin ich im Hotel geblieben und habe die Dachterasse genossen. Mango Lassi schlürfend und umgeben von lauter junger Französinnen. Am Nachmittag ging es dann gleich wieder zurück ins heiße, heißgeliebte Delhi. Der Bahnhof gab wieder das gleiche Bild von campierenden Familien, auf dem Bahnsteig schlafenden Menschen, Arbeiter mit schweren Ziehkarren und penetrant bettelnder Kinder. Ich bin wirklich froh, dass ich bis jetzt noch keine Kinder mit geblendeten Augen gesehen habe, wie Gwen sie in Agra erlebt hat.
Was ich an den Indern neben ihrer Offenheit auch mag, ist, dass sich niemand für seine Arbeit schämt. Wann immer ich ein Foto machen möchte, bleiben die meisten stehen und posieren mit einem Lächeln. Wie schon gesagt, Indien ist ein sehr demütiges Land, voller Bescheidenheit und hart arbeitender Menschen, die mich immer wieder mit ihrer liebenswerten Art und ihrem Humor aufs neue überraschen. Selbst Kan kam noch einmal zum Bahnhof, um mich sich bei mir zu verabschieden. Allerdings auch, um zu erfahren, wieviel Kommision er für die zwei Edelsteine bekam, die ich beim geschäftstüchtigen Heiler gekauft hatte. Ihr seht, der Kapitalismus findet hier auch so langsam seinen Einzug.
Auf dem Weg zurück nach Delhi saß ich wieder im previligierten, gekühlten Abteil und während der Zug sich schleppend seinen Weg durch die vergammelnden, in Müll versickenden Außenbezirke bahnte, kam auf einmal aus den Lautsprechern melancholische Streichermusik. Ich kam mir vor wie in einer kitschigen Filmsequenz. Und wieder so ein surrealer Moment.