Mekka India

Nachdem ich mir spontan abends in Agra die Haare habe kurz schneiden lassen, sehe ich jetzt aus wie Bruce Willis im Film Twelve Monkeys. Das ist auf jeden Fall von Vorteil bei der Hitze und es war eine Erfahrung mit einem stumpfen Messer die Haare geschnitten zu bekommen. Die Massage war da inklusive. Haar- und Bartpflege hat besonders bei den Sikh in Indien eine große Bedeutung. Ihre Haare werden nämlich nie geschnitten. Dafür tragen die Sikh den Turban. Der Bart wird je länger er wächst, mehr und mehr zusammengezwirbelt. Damit die Barthaare eng anliegen, binden sie sich über Nacht ein Tuch um den Kopf, das oberhalb zusammengebunden wird. Das sieht etwa so aus wie jemand der Zahnschmerzen hat. Meinen ‚Toothache‘ Witz kann Sim mittlerweile auch nicht mehr hören.
Mir gefällt das Land immer besser und so langsam lebe ich mich ein. Mein Jetlag ist nun auch endlich verarbeitet, so dass ich die letzte Nacht zum ersten Mal richtig durchschlafen konnte. Obwohl ich erst in gut einer Woche abreisen werde, weiss ich, dass drei Wochen, um ein Land wie Indien zu erkunden, definitiv zu kurz sind. Mit 1,2 Milliarden Einwohnern ist Indien nach China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Das ist sicherlich auch ein Grund für das soziale Miteinander. Der Analpabetismus liegt immernoch bei über fünfunddreißig Prozent und die Zwangsehen gerade in ländlichen Gebieten sind weiterhin ein fester Bestandteil der indischen Gesellschaft. Über fünfzig Prozent aller Frauen werden vor ihrem achtzehnten Lebensjahr ‚verheiratet‘. Ich habe mich schon immer gefragt, weshalb einige Inder hellere Haut haben als andere. Das liegt daran, dass viele aus Ehen kommen, in denen ein Teil der Eltern aus Pakistan kommt. Was auch nicht verwunderlich ist, da der Staat Pakistan zusammen mit China, Nepal und Myanmar zu den Grenzländern Indiens gehört und erst 1947 aus den mehrheitlich muslimischen Teilen Britisch-Indiens entstand.
Gestern Abend bin ich von Sim’s Eltern zum Essen eingeladen worden. Wir waren im Taj, einem Fünf-Sterne Hotel und eines der angesehensten Delhis. Dort habe ich zum ersten Mal deutsche Autos gesehen. Ich dachte schon, die seien hier verboten. Ansonsten sieht man nämlich nur japanische Kleinwagen und die indische Automarke Tata in der Stadt. Also da war ich nun in einem Marmorpalast voller gestriegelter Angestellter. Diesmal, nicht das Taj Mahal, dafür aber das Taj. Das Essen war super lecker und ich konnte zwischen italienischem, griechischem und indischen Essen wählen. Mein Magen hat es mir auf jeden Fall gedankt. Wir wurden die gesamte Zeit über hofiert. Sicherlich weil Sim’s Vater dort oft mit dem indischen Premierminister diniert. Während wir genüßlich aßen, sang im Hintergrund eine indische Sängerin zum Karaoke Playback Abba und Roxette Songs. Wieder so ein surrealer Moment. Ich habe den Abend sehr genossen und muss sagen, dass die ganze Familie wirklich knuffig ist. Der Vater hat erzählt, dass er vor seinem Aufenthalt in England drei Jahre in Usbekistan und danach drei Jahre in Israel gelebt hat und insgesamt schon in zweiundzwanzig Ländern war. Im August gehen Sim’s Eltern nach Dubai, wo ich sie wahrscheinlich auch besuchen werde.
Heute war ein entspannter Tag. Bei vierzig Grad Hitze bin ich zugegebenermaßen auch nicht wirklich produktiv. Mein Highlight war ein Besuch bei McDonalds in der City, das das absolute Mekka für alle Vegetarier ist. Zum einen gibt es hier im Vergleich zu Deutschland eine vegetarische Karte und zum anderen zahlt man nur ein Bruchteil des Preises. Ein Veggie Burger für nur fünfundvierzig Rupien, das ist circa ein Euro. Ich glaube, ich habe mich in meinem Leben noch nie so sehr über Junk Food gefreut und habe mir dazu gleich noch eine große Portion Pommes reingeballert. Die kleinen Highlights halt im Schwarzbrot und Müsli freien Land, in dem es Milch nur erhitzt und pasteurisiert gibt und alles andere so geschärft ist, dass der Magen rebelliert. In vieler Hinsicht ist Indien immernoch weit vom westlichen Standard entfernt. Was es hier aber schon an vielen Orten gibt, sind Chillerjobs par excellence. Allein im YMCA reißen sich die meisten nicht gerade ihren Arm aus. Ob nun die Security oder der Junge im Tourist Office, der am Tag vielleicht vier Kunden hat. Die restliche Zeit surft er im Internet oder spielt am Computer Solitaire. Den absoluten Chillvogel hat allerdings der Mann in der Wechselstube abgeschossen. Dort habe ich bis jetzt noch nie irgendjemanden gesehen.
Morgen früh geht es nach Jaipur, der Haupstadt von Rajasthan. Einer der achtundzwanzig Staaten in Indien. Ich freue mich schon auf die Zugfahrt. Ich mag die Züge in Indien. Sie fahren zwar nicht so schnell, haben dafür aber nicht die ätzende Neigetechnik wie der ICE in Deutschland, die einen regelmäßig zum Kotzen bringt. Am modernsten ist in Delhi allerdings die Metro. Erinnert mich ein wenig Singapur. Super sauber und super modern. An jedem Eingang gibt es Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Mit Metalldetektoren, Abtasten und Gepäck Scanner. Wieder so ein surrealer Moment.