Humble India

Heute ist mein zweiter Tag in Neu Delhi. Der Flug war ganz schön anstrengend. Irgendwie dachte ich bei interkontinentalen Flügen würden größere Maschinen eingesetzt. Neun geschlagene Stunden in einem EasyJet ähnlichen Flugzeug zu sitzen, bringt einen doch ganz schön an die Grenzen und das ohne die französischen Model Stewardessen. So viel zu Air France. Also das nächste Mal werde ich ernsthaft überlegen Business Class zu fliegen. Delhi hat mich auch gleich herzlich empfangen mit seiner abendlichen Hektik und seinen vierundvierzig Grad im Schatten. Der komplette Weg vom Flughafen in die Stadt ist eine gigantische Baustelle, da hier zur Zeit für die Commonwealth Games im nächsten Jahr, sowohl der Flughafen, als auch die Metro ausgebaut werden. Ich kam mir vor wie bei Mad Max oder Terminator Salvation. Eingequetscht in einem kleinen alten Suzuki Auto und vor mir am Steuer dicke, knuffige Schlümpfe, die sich huppend, vorbei an Affen und Straßenhunden, durch den chaotischen, nächtlichen Verkehr schlängelten. Für mich als Kino konditioniertes Kind erinnerte mich diese Szene auch gleich an die typische James Bond im Ausland ‚Fahrt vom Flughafen in die Stadt‘ Sequenz.
Mein Zimmer ist sauber und halbwegs gemütlich, aber vom westlichen Standard noch weit entfernt. Obwohl ich mich nicht beschweren kann, immerhin habe ich Air Kondition und mein eigenes Bad. Diese ist allerdings so laut, dass ich nur den Deckenventilator benutze, ansonsten würde ich trotz Ear Plugs nie Schlaf finden. Zudem hat das YMCA einen Swimming Pool, ein Fitness Studio, ein Internet Cafe und Vollpension inklusive. Also habe ich noch genug Raum, um weiter meine Muster zu leben und Süchte zu nähren.
Gestern haben Sim und ich unsere erste Sightseeing Tour gemacht und ich wurde gleich eingeführt in die indische Welt. Vorbei an Slums, durch Straßen, wo bettelnde Kinder, an die Autofenster klopfen, überall Menschen, die auf der Straße schlafen. Die Armut hier ist allgegenwärtig. Wirkliche Armut, wo die Menschen nicht wissen, was sie am nächsten Tag essen sollen. Selbst wenn man in gestandene Geschäfte in der Innenstadt geht, sind die Verkäufer oft sehr einfach gekleidet, von den vergammelten Zuständen der Häuser einmal ganz abgesehen. Ich glaube, in Indien wurde seit der erklärten Unabhängikeit 1947 nichts mehr renoviert. Vieles ist heruntergewirtschaftet und vegetiert vor sich hin. Trotzdem wirken die Menschen sehr bescheiden und entspannt. Die Stadt ist hektisch, aber nicht aggressiv. Das ist wohl der Hauptunterschied zur westlichen Welt. Alle haben Respekt voreinander und leben miteinander und nicht gegeneinander.
Delhi ist mit knapp neun Milionen Einwohnern nach Mumbai (Bombai) die zweitgrößte Stadt in Indien und zudem Regierungssitz. Die Hauptreligion ist der Hinduismus, gefolgt vom Islam und Sikhismus. Der Verkehr ist ein völliges Chaos. Alle fahren dauerhuppend, wann und wo sie wollen. Außerdem fallen oft die Ampeln aus, da es aufgrund des Wassermangels im Sommer oft zu ‚Powercuts‘ kommt, also Stromausfällen. Auf den Straßen sieht man überall Ricksha Fahrer oder Händler, die einem irgendwelchen Krempel verkaufen wollen. Angefangen von Plastikschmuck, Postkarten, Wasserpfeifen bis hin zu rosa Zuckerwatte. Das ist auch das Anstrengende, ständig die nervenden Händler abzuwehren. Ich komme mir hier auf jeden Fall oft vor wie ein verwöhntes, dickes Einzelkind und weiß von Tag zu Tag mehr zu schätzen, wie gut es mir eigentlich geht.
Ich bin mir sicher der Urlaub wird eine gute Erfahrung werden und ich werde sicherlich lernen, meine überzogenen Träume etwas mehr dem wahren Leben anzugleichen. Vielleicht sollte man in Deutschland Zwangsurlaube in Indien einführen. Immer wenn sich Leute beschweren, dass bei Aldi noch eine weitere Kasse aufgemacht werden soll.
Nur um noch einmal ein Bild von den Lebensverhältnissen in Indien zu schaffen. Sim’s Vater ist Botschafter und arbeitet im renommierten Regierungsviertel. Trotzdem lebt die Familie in einfachen Verhältnissen und sein Dienstwagen ist ein gebrauchter, japanischer Kleinwagen. Gleich holt mich Sim wieder ab und wir werden weiter die Stadt erkunden. Ich denke, ich werde erst einmal in Neu Delhi bleiben und von hier aus kurze Tagestrips machen. So wage ich mich langsam und vorsichtig in die neue Welt.